Demenz ist ein Arschloch, final Chapter

Der Tod gehört zum Leben dazu. Er kann plötzlich und unerwartet kommen. Oder er kann eine Erlösung nach einem langen und erfüllten Leben sein.

Und so will ich heute nicht bloß den Tod eines geliebten Menschen betrauern. Nein, ich möchte das Leben eines großartigen Mannes feiern.

Ein Freund sagte anlässlich des 80. Geburtstages meines Großvaters: „Man kann das Glück nicht erzwingen. Aber man kann es einladen.“

Und das hat mein Großvater getan. Nicht bloß für sich. Nein, auch für seine Familie und so viele andere Menschen. Und so hat er die Welt jeden Tag ein bisschen besser gemacht. Für so viele von uns.

Er war immer hilfs- und aufopferungsbereit. Er fragte nie nach seinem Vorteil. Trotz all seiner Ämter, Würden und Auszeichnungen war er stets bescheiden. Wie kein Zweiter war er jederzeit auf Ausgleich bedacht ohne sich in den Vordergrund zu stellen.

Er hat mir beigebracht, nicht nur auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, sondern immer auch die Sichtweise anderer verstehen zu wollen. Mein Großvater war wohl der weiseste Mann, den ich jemals kennen lernen durfte.

Mein Großvater war immer ein Freund der freien Rede. Und doch war er in erster Linie ein Mann der Tat. Daher werden Worte allein nicht seinem Lebenswerk gerecht. Doch ein jeder von uns hat viele Erinnerungen an ihn und sein Tun. Und so lange wir diese Erinnerungen bewahren und uns in unserem Handeln von ihm inspirieren lassen, so wird er in unseren Herzen immer weiterleben.

Christoph Blau. Hanseatischer Kaufmann, Richter, Schiedsmann, Philanthrop. Aber zuallererst Vater. Mit Worten werde ich ihm nie genug für alles Danken können.

Demenz ist ein Arschloch. Aber sie hat nicht gewonnen! Sie hat ihm seine Erinnerungen genommen. Aber uns nicht die Erinnerung an ihn!

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Demenz ist ein Arschloch, Pt. III

Seit mein Großvater im Pflegeheim angekommen ist, habe ich ihn gerade 4 Mal besucht. Und jetzt habe ich auch noch eine offizielle Ausrede dafür.

Uns wurde gesagt, dass wir nun auch mal wieder an uns denken müssten. Mir sollen uns nicht verpflichtet fühlen, Opi zu besuchen. Sondern wir sollen so kommen, wie es uns gut tut. Manche Bewohner würden gar nicht mehr besucht werden, andere nur 1-2 Mal im Jahr. Aber das sei völlig OK…

Was gibt einem mir eigentlich völlig fremden Menschen eigentlich die Autorität, zu entscheiden, was in meiner Situation richtig und falsch ist.

Da vegetiert nun also ein Mann für mich hin, der jederzeit für mich durchs Fenster gesprungen wäre. Und ich sitze hier und rede mir ein, dass es völlig OK ist, wenn ich ihn allein lasse. Vielleicht weiß er nicht mehr wirklich wer ich bin, vielleicht hat er sein Leben und seine Familie vergessen. Aber man muss nicht mehr Herr seiner Sinne sein, um zu spüren, dass man allein ist, dass man weggeschickt wurde, weil man eine Last geworden ist.

Dieses Phänomen ist ja grundsätzlich nichts neues. Alte und schwache Mitglieder einer Herde wurden schon immer zum Sterben zurückgelassen, damit sie den Fortbestand der Gruppe nicht gefährden. Die Natur ist also auf meiner Seite. ABER!

Im Großen und Ganzen wird meine Familie nicht von rivalisierenden Herden bedroht, ich führe keinen Wettkampf um Nahrung, Wohnung, Fortpflanzung. Zumindest keinen bis aufs Blut. Würde es also wirklich den Fortbestand der Gruppe gefährden, wenn wir das alte und schwache Mitglied nicht völlig ausstossen? Oder anders gefragt, breche ich mir wirklich einen Zacken aus der Krone, wenn ich Opi öfter als 1 mal monatlich besuch? Länger als 15-20 Minuten wird das doch eh nix. Mit An- und Abfahrt nicht mal eine Stunde.

Die Antwort ist ein klares Nein. Die Stunde hätte ich. Aber ich kleines Weichei habe dazu nicht die mentale Stärke. Denn jetzt kommt das zweite Große ABER.

Natürlich weiß ich, was das Richtige wäre. Natürlich habe ich die Zeit. Aber bei den Besuchen werde ich mit meiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Irgendwann liege ich vielleicht da und kann mich an nichts erinnern. Irgendwann bin ich es, der einsam ist. Damit will ich mich nicht beschäftigen.

Die Besuche tun zu doll weh, man erinnert sich, wie es früher war und muss dann sehen, wie es jetzt ist.

Die Besuche sind unangenehm, man weiß nie, was einen erwartet. Ist er gut drauf, sind Gespräche möglich, wie sieht er aus? Und jedes Mal, wenn ich da bin, sehe ich, dass er noch lebt. Aber aus dem eigenen Leben, da hat man ihn schon verdrängt, er ist lästig geworden, zum Sterben zurückgelassen.

Jetzt, da er im eigenen Leben keine Rolle mehr spielt, da wird es einfacher, damit abzuschließen, man kann jetzt schon trauern. Trauern light, denn zur Not könnte man ja noch mal kurz gucken, dass er noch da ist.

Hätte er vielleicht doch bei uns bleiben sollen?

Nein, auf keinen Fall. Denn die Pflege eines Demenzkranken erfordert Profis. Profis, die ohne emotionale Vorbelastung ihre Arbeit tun können. Schließlich ist mein Opi ja NOCH harmlos. Er schreit nicht rum, sieht immer sauber aus, all diese Sachen. Aber wenn er nun bei uns leben würde, dann würde es vielleicht doch um den Fortbestand der Gruppe gehen. Wer sollte die Pflege übernehmen, sein eigenes Leben so völlig auf Pause packen? Und würde dieser jemand den anderen nicht zu Recht vorwerfen, nichts getan zu haben?

Nein, Es ist schon richtig, dass er im Heim ist. Aber es ist nicht richtig, dass ich zu feige bin, ihn auf dem Ritt in die Abendsonne noch ein Stück zu begleiten. Irgendwann werde ich das bereuen. Spätestens, wenn meine Kinder mich zum Sterben zurücklassen.

Demenz ist ein Arschloch, sie zerstört Familien.

Demenz ist ein Arschloch, Pt. II

Als ich das letzte Mal von meinem Großvater geschrieben habe, war er gerade in ein Pflegeheim speziell für Demenzkranke gekommen. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Seitdem ist es nicht unbedingt besser für ihn geworden.

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Ich hab ihn das letzte Mal Weihnachten gesehen. Zwar konnten wir uns unterhalten (auch wenn diese Konversation nicht besonders sinnvoll gewesen ist) aber ich bin mir nicht sicher, ob er mich überhaupt erkannt hat. Auch wenn ich weiß, dass er dafür doch gar nichts kann, hat mich das echt getroffen. Ich maße mir an, eine besondere Stellung bei meinem Großvater gehabt zu haben. Es ist kein Geheimnis, dass er sich immer einen Sohn gewünscht hat und dass er diesen wohl in mir gesehen hat. Und mich vor allem auch so behandelt hat.

Er war nicht ganz unbeteiligt (Achtung, Untertreibung) bei meiner Erziehung und spielte auch sonst eine große Rolle in meinem Leben. Ich war der Sohn, den er nicht hatte und er war der Vater, den wiederum ich nicht hatte.  Und ich wills nicht unter den Teppich kehren, ich hab die ein oder andere Behandlung genossen, die meinem Bruder oder meinem Cousin und meinen Cousinen nicht zuteil wurde.

Nun könnte man argumentieren, dass ich ja auch mehr Zeit mit ihm verbracht hätte und so weiter und so fort. Aber das wird der Sache nicht gerecht, ist unfair gegenüber den anderen, die auch räumlich viel weiter weg sind und tut auch eigentlich gar nichts zur Sache.

Wir waren für einander etwas Besonderes. Und Punkt.

Und nun saß ich ihm Heiligabend gegenüber und versuchte mich mit ihm zu unterhalten. Klappte an dem Tag nur dann, wenn wir über meine Cousine sprachen. Das ging erstaunlich gut. Den Rest der Zeit versucht man eigentlich nur, möglichst schnell wieder weg zu kommen.

Ist das nicht furchtbar?

Da saß ich nun und versucht möglichst WENIG Zeit mit dem Menschen zu verbringen, der immer alles für mich getan hatte und immer möglichst VIEL Zeit mit mir verbringen wollte. Der mir früher den Hinter abgewischt hatte und mich gefüttert hatte. Und nun wehrt sich in mir alles dagegen, das gleich für ihn zu tun.

Ich delegiere das ans Pflegepersonal. Ich rede mir ein, dass er dort glücklich ist, wohin wir ihn abgeschoben haben. Ist er das? Weiß er noch, was Glück ist?

Da saß ich nun und tat mir selbst leid, weil ICH nicht erkannt wurde, weil es MIR so schlecht damit geht. Ich flüchte mich in die Vorstellung, dass mein Opi gar nicht mehr weiß, wie es IHM geht und er ergo ja gar nicht unglücklich sein kann. Wie naiv ist das? Ob er nun noch etwas weiß oder nicht, er wird sicher fühlen, dass seine Situation kein glücklicher Lebensabend ist.

Aber was wäre die Alternative? Weder meine Mutter, meine Tante noch ich wären in der Lage, ihn zu Hause zu pflegen, aus verschiedensten Gründen. Dass Opi im Heim ist, ist keine schlechte Entscheidung. Die schlechte Entscheidung ist, dass ich ihn aus Scham und Angst nicht häufiger sehe.  Ob er mich nun erkennt oder nicht, die Gesellschaft anderer – „normaler“ – Menschen würde ihm sicherlich gut gefallen.

Dennoch bringe ich es nicht über mich, finde Ausreden, verdränge. Was sagt das über mich? Und wie kann ich eigentlich später von meinen Kindern und Enkeln verlangen, dass sie mich pflegen oder zumindest besuchen, wenn ich selbst nicht bereit bin, dass zu tun? Wenn es mir selbst lästig ist, einen Menschen das letzte Stück zu begleiten, der sich selbst dafür nie zu schade war?

Ich kann nur mein Bestes geben, meine Kinder zu erziehen, dass sie nicht nur wissen, was das Richtige ist, sondern dass sie auch stark genug sind, das Richtige zu tun. Denn das ist nicht immer das Gleiche. Und offenbar bin ich dafür zu schwach.

Ich hoffe sehr, dass mein Großvater nicht mehr mitbekommt, wie sehr ich ihn im Stich lasse.

Eines nicht allzu fernen Tages wird er gar nicht mehr da sein. Und dann werde ich bereuen, nicht noch so viel Zeit wie möglich mit ihm verbracht zu haben.  Die Demenz zerstört nicht nur ihn. Sie arbeitet auch gegen mich.

Demenz ist ein Arschloch.

P.S. Zum Abschied habe ich meinen Opi sehr fest umarmt.  Ich wünscht, dass hätte ich öfter getan, als er mich noch kannte.

P.P.S. Meine Großmutter wäre heute 85 geworden. Ich bin froh, dass  sie auf ihrem letzten Weg nicht allein war, sondern meinen Großvater hatte.

Nachtrag: Letztes Wochenende habe ich meinen Großvater wieder besucht. Wir haben uns gar nicht so schlecht unterhalten können.  Es wäre schön, wenn wir dieses Level jetzt mal eine Zeit lang halten könnten.

Demenz ist ein Arschloch

Mein Großvater hat Demenz. Das ist scheiße. Demenz ist ein Arschloch.

Mein Großvater war ein großer Mann. Nicht vom Körperbau her. Mangelernährung im zweiten Weltkrieg hat ziemlich erfolgreich eine beeindruckende Statur verhindert. Dennoch, er war ein großer Mann.

Er hat aus dem Nichts eine Firma aufgebaut und damit ein Vermögen geschaffen, das bis zu Letzt unserem ganzen Clan ein komfortables Leben ermöglicht hat. Er war Handelsrichter, Gemeindeschiedsmann, aktiv in mehreren gemeinnützigen Vereinen, in denen er viel für andere getan hat.

Für mich war er Vaterersatz. Hat mir vieles über Werte, Haltung und Moral beigebracht. Ein Grundverständnis von Recht und Wirtschaft beigebracht. Kurz, er hat mich tief geprägt.

Und nun ist er weg.

Sein Körper ist noch da, er atmet, isst, guckt Fernsehen, redet mit uns. Und dieser Körper weiß auch noch, wer er war. Obwohl er nun wirklich andere Sorgen haben sollte, ist er immer korrekt in Schlips und Kragen gewandet. Er hat Manieren, ist zu den Damen charmant.

Aber mein Großvater ist weg.

Bis vor kurzem hat er noch allein zu Hause gewohnt. Das fanden wir zwar nicht so gut, da machten wir uns schon Sorgen. Aber er konnte noch klar und deutlich artikulieren, dass er aus seinem Haus nicht wegwolle. Er hat ein soziales Umfeld, ging alleine Einkaufen, fuhr sogar noch Auto. Er hatte ein Leben.

Dann kam Silvia J.

Silvia J ist eine verbrecherische, man verzeihe es mir, Schlampe, die gezielt ältere Herrschaften ausnahm. Mal lag das Kind im Krankenhaus, dann brauchte es was zu essen, dann lag ein Pups quer. Und das könne nur mit Geld geheilt werden.

Und jetzt schlug die Krankheit richtig zu.

So sehr mein Großvater noch in den gewohnten Strukturen zu Recht kam, so sehr warf ihn diese Störung aus der Bahn. Früher hätte er die Dame ihres Weges gewiesen. Aber nun war er gefangen zwischen der Sorge über das vermeintliche Kind in Not und dem Wissen, dass es dieses Kind gar nicht gab.

Diese Person hat ihm nicht nur ordentlich Geld aus dem Kreuz geleiert, was weder wir, noch die Gemeinde, noch die Polizei verhindern konnten, sondern – was noch viel entscheidender ist – ein gutes Stück Lebensfreude, als er das Leben noch hätte genießen können.

Und jetzt gings schnell.

Wir konnten ihn überzeugen, in ein schickes Altersheim zu ziehen. Gemütliche 2-Zimmer-Wohnung, mit schönem Ausblick, rundum-Wohlfühl-Programm, eigentlich alles gut.

Aber die Demenz, das Arschloch, wollte noch mehr.

Noch war er mein Großvater. Wusste wer ich bin, wer seine Urenkel sind. Ich konnte mit ihm über meinen Job reden und halbwegs sinnvolle Gespräche führen. Aber die Demenz ließ ihm keine Ruhe. Ließ ihn die Nacht zum Tage machen, vergessen, wo er jetzt wohnte, trieb ihn an Orte der Vergangenheit, verhinderte, dass er mit uns darüber sprach und uns Bescheid sagte, wohin er geht. Zu häufig mussten wir ihn mitten in der Nacht suchen und wussten nicht, ob er heil wieder auftaucht.

Zuerst ging er nur an der Alster spazieren. Aber dann war er auf Geschäftsreise (die Firma gibt’s es nicht mehr), dann in der Kaserne. Er war auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen unterwegs. Die Demenz macht Chaos und ließ es ihn wissen. Sie gönnte ihm nicht die Ruhe eines sanften Vergessens. Nein, sie nahm ihm seinen Geist und gab ihn manchmal zurück. Nur um ihn spüren zu lassen, was er nun verlieren wird.

Auch jetzt hätte er noch entspannt leben können. Aber nein, die Demenz war noch nicht fertig mit ihm. Jetzt nahm sie ihm sein Wissen um sich selbst und seine Familie.

Mein Großvater ist jetzt nicht mehr da.

Sein Körper ist jetzt in einem Pflegeheim, speziell für Demenzkranke. Man kümmert sich gut um ihn. Er hat Gesellschaft, die Damenwelt liegt ihm noch immer zu Füssen, er weiß sich zu kleiden, genießt die Konversation. Und wenn er sich anstrengt, dann erinnert er sich noch kurz an sich selbst und damit auch an uns. Meine Frau kann er nicht mehr so ganz sicher einordnen aber wenn man ihm ein wenig hilft, dann weiß er kurz wieder, wer ich bin. Aber der Rest seines Lebens flackert nur noch in Blitzlichtern auf. Seine Firma, meine verstorbene Großmutter, manches andere. Aber nicht mehr im richtigen Zusammenhang. Realität und Fiktion verschwimmen.

Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem auch der letzte Rest Erkennen verschwinden wird. An dem auch sein Körper die Erinnerung an früher vergisst. An dem das Schweigen beginnt.

Mein Großvater ist weg.

Und Demenz ist ein Arschloch!