Und jetzt mal alle tief durchatmen

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Höher! Schneller! Weiter! Immer busy sein! Immer voll unter Strom! Was soll den das?

In den letzten Jahren habe ich viele Menschen getroffen, die einfach überfordert waren. Mit sich selbst, den eigenen Erwartungen. Aber auch mit den Erwartungen, die ihr Umfeld an sie stellt. Der Chef, die Kollegen, der Partner, die Familie. Diese Menschen hatten ihre Mitte verloren, wussten nicht mehr weiter, alles war nur noch grau. Alles ist negativ, an allem wird zuerst das Schlechte gesehen. Und damit man nicht allein ist, versucht man auch, die anderen mit runterzuziehen.

Starke Persönlichkeiten, zusammengeschrumpft auf ein Häuflein Elend. Verzweifelt an der Welt, unterdrückt von Ängsten. Sinnsuchend, kann das wirklich alles gewesen sein? Muss das so sein, nur weil es immer so war? Und wo bleibe ich dabei? WO BLEIBE ICH? Das Leben ist so kurz. Und alle sind so glücklich. Alle, nur ich nicht. Sind sie doch, oder?

Entspannung, Chillen, Relax. Das ist allgegenwärtig. So allgegenwärtig, dass es zur Hülse verkommen ist. Du hast jetzt gefälligst zu entspannen! Selbst die Entspannung wird zum Wettkampf, zu Stress. Muss das sein?

Erschöpfungszustände und Depressionen nehmen zu. Längst besteht allgemeiner Konsens, dass wir mehr auf uns achten müssen. Ja, und warum tun wir das nicht?

So viele der Menschen, die ich getroffen habe, klagen über Stress. Über Zeitmangel. Darüber, nicht alles unter einen Hut zu bekommen. Aber ist es denn ein Naturgesetz, dass wir permanent unter Feuer sein müssen? Könnten wir nicht eigentlich auch kollektiv entscheiden, jetzt mal fünfe gerade sein zu lassen? Nicht rund um die Uhr verfügbar zu sein. Mal mehr bei uns zu sein, mehr im Moment, also klassisch achtsam? Alle möchten mehr Zeit mit der Familie, keiner tut es. Work/Life Balance, nur ein Schlagwort?

Und wieso bekommen andere das hin? Wieso haben wir dogmatisch eine (mind.) 40 Stunden Woche, wenn uns unsere Nachbarn doch zeigen, dass es anders geht? Wieso können sich andere „herausnehmen“, mittags über Stunden Siesta zu machen, aber wir nicht? Wieso können andere das Leben genießen aber wir nicht? Wieso wird in Frankreich die Schulpflicht ab drei Jahren eingeführt? Wir haben doch erkannt, dass unser Weg Stress ist. Wieso tun wir denn nicht alles, diesen Fehler zu korrigieren.

Wird sich irgendjemand ernstlich auf dem Sterbebett den Vorwurf machen, das er doch bloß mehr gearbeitet habe. Wohl kaum.

Auch ich habe das Gefühl, dass mein Leben zu schnell an mir worüber zieht. Dass ich nicht alles mitbekomme. Und vor allem, dass die schönen Dinge unbemerkt vorüberziehen. Dagegen unternehme ich nun etwas, ich schule gemeinsam in einer Gruppe meine Achtsamkeit. Konzentriere mich auf den Moment. Das ist harte Arbeit. Aber ich hoffe, sie wird sich auszahlen. Denn ich möchte die schönen Dinge nicht verpassen. Und ich möchte mir durch die Negativität der anderen auch nichts mehr vermiesen lassen. Es gibt da diesen alten Spruch: Wenn Du nichts nettes zu sagen hast, dann sagt nichts.