Ein Hurra auf die Mittelmäßigkeit

Vor ein paar Tagen kam der Koalitionsvertrag raus – HIER, falls jemand lesen möchte – und was soll ich sagen…Es bleibt alles beim Alten.Allein der Name, Koalitionsvertrag. Auf einen Vertrag kann man sich ja im Zweifel mal berufen. Hier wäre wohl Koalitionsabsichtserklärung angebrachter. Und, Spoiler, erwartet bitte nicht, dass euer Leben in Kürze besser wird. Im Besten Fall bleibt alles so, wie es ist.

Ihr möchtet eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf? Schnelleres Internet? Eine saubere Umwelt? Jaha, das möchte die GroKo auch. Aber nur so n bisschen und auch nicht so dringend, dass man dafür jetzt so richtig was tut. Und überhaupt, wohl erst ab 2025.

Das Papier tut niemandem weh, außer vielleicht den Versandapotheken (die zurückgedrängt werden sollen) oder Wildtieren (die sich über eine wirksamere Jagdmunition freuen dürfen. Es sind Seiten voller Feelgood, ohne echte Kontroversen. Einiges Europa, in Deutschland sollen sich sowieso alle liebhaben und ländliche Regionen sollen Breitbandinternet bekommen. Toll.

Aber nüchtern betrachtet sind das alles lahme Ziele. Entweder handelt es sich um Selbstverständlichkeiten, die im Jahr 2018 eigentlich schon alle realisiert sein sollten. Oder Dinge von eher untergeordneter Priorität. Ja, wenn das alles so kommt, wie es da steht, ja dann könnte es auch besser werden. Nur, wann ist denn tatsächlich mal etwas wirklich besser geworden, bei dem die Regierung die Finger im Spiel hatte. Ok Ok, die Herdprämie war schon eine ganz tolle Sache, da habt ihr natürlich Recht. Oder die Autobahnmaut. Sehr schön. Aber sonst?

Ich hätte da mal einen sehr dringenden Wunsch.

Bezahlbare oder gar kostenlose Kinderbetreuung! Da meine Frau und ich uns erdreistet haben, einfach mal drei Kinder in die Welt zu setzen aber nicht reich sind, sind wir auch auf Betreuung angewiesen, während wir schaffen gehen. Und das kostet uns in Schleswig-Holstein einfach mal schlappe 700 EUR im Monat… Ein paar Kilometer weiter, innerhalb der Hamburger Stadtgrenzen, gäbe es unser gebuchtes Paket übrigens für Umme. Ja, das klingt doch mal fair.

So, nun steht das Thema zwar tatsächlich im KoaV. Aber s.o., vor 2025 wird das eher nix. Da rechne wir mal kurz nach…2025 ist die aktuelle Legislaturperiode lange vorbei.

Ich gebe zu, der Haufen an angehäuften Problemen und Defiziten ist so groß, dass eine Legislaturperiode nicht ansatzweise ausreicht, die Versäumnisse der Vergangenheit auszugleichen. Was mir aber fehlt, ist die echte Ambition.

Ich störe mich an der Mittelmäßigkeit. Ich wünschte, unsere Regierung und schlussendlich auch unsere Gesellschaft würde nach Großartigem streben. Kühn und mutig. Aber wir sind ängstlich, neidisch, visionslos.

Bestes Beispiel: SpaceX testet die bislang leistungsfähigste Rakete der Welt. Was für ein Triumph der Wissenschaft, was für Möglichkeiten! Und was machen wir: Nörgeln rum, dass an Bord ein nagelneuer Sportwagen gewesen ist. Was für eine Verschwendung. Wie vielen armen Rentnern in Deutschland hätte man helfen können, wenn man das nicht getan hätte? (Hint: 0)

Aber eine Gesellschaft, die nur neidet und nörgelt, kann nicht großartig werden. Ausgeschlossen. Wir sind borniert, engstirnig, haben Angst vor allem neuen und ungewohntem. Wir sind nicht großzügig oder hilfsbereit. Wir wollen nichts neues wagen.

Gutes Beispiel dafür: Es ist eine Notwendigkeit, Arbeit und Einkommen voneinander abzukoppeln. Zum einen, weil durch die fortschreitende Digitalisierung viele, zumeist simpel gestrickte, Berufsbilder verschwinden werden. Zum anderen, weil echte Freiheit und geistige Größe nun mal mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit einhergehen.

Ist das bedingungslose Grundeinkommen da der Weisheit letzter Schluss? Das weiß ich nicht. Aber das müsste man erforschen und erproben. Und was passiert? Nichts.

Wir alle wollen glücklich sein. Da bin ich mir sicher. Und es gibt diesen schönen Spruch, jeder ist seines Glückes Schmied. Nun ist es aber so, dass viele durch ihre Ängste den Amboss gar nicht sehen oder, wenn man mal ehrlich ist, gar nicht die Voraussetzungen haben, einen Hammer zu schwingen. Wenn wir nun aber alle bedingungslos bekommen, dann sollte das den Neid eingrenzen. Wer nicht damit beschäftigt ist, zu neiden, der kann hoffentlich wachsen.

Neben Haben ist aber auch Wissen wichtig. Daher brauchen wir eine neue Bildungspolitik. Und die darf nicht klein-klein Ländersache sein. Die muss groß und landesweit gedacht werden. Lehrer, die die Digitalisierung verdammen, gehören pensioniert. Das Leugnen des Status Quo ändert diesen nämlich nicht. Unsere Kinder brauchen heute (und die Erwachsenen natürlich auch) Medienkompetenz. Programmieren sollte ein selbstverständliches Schulfach sein.

Eine Gesellschaft, in der Bildung wirklich geschätzt wird und Arbeit nicht Zwang bedeutet, die kann groß werden.

Dafür brauchen wir mutige Ideen und mutige, kühne Streiter. Mit diese GroKo, in der lieber sofort über Posten als Inhalte gesprochen wird, wird das aber schwierig. Wo ist unser Obama, wo ist unser Trudeau?

All das Wissen, all die Skills, die wir für eine schöne neue Welt bräuchten, die sind da. Wir müssten sie nur mal nutzen. Ja gut, oder wir lassen halt Seehofer Internetminister werden.