Familie

WappenJeden Morgen gehe ich an diesem Wappen vorbei. Es erinnert mich jeden Morgen daran, wie wichtig Familie ist. Und das nichts für die Ewigkeit ist.

Dieses Wappen ist des meines Großvaters. Ein Bruder meines Onkels hat es für ihn gemacht. Die Kogge steht für seine Eigenschaft als Hanseatischer Kaufmann. Das Lindenblatt im Segel soll seine Tätigkeit als Handelsrichter und Schiedsmann symbolisieren.

Mir war es wichtig, dass dieses Wappen nun, da ich endlich einen dauerhaftes Zuhause für meine eigene kleine Familie gefunden habe, in meinem Heim hängt. Ich habe es mir zu Eigen gemacht. Ein Clan braucht ein Wappen. Und als einen Clan habe ich früher unsere Familie gesehen.

Früher.

Früher bedeutete das irgendwie noch mehr. Der Clan, das waren im Zentrum meine Großeltern und die Firma, die mein Großvater mit seinem Bruder aufgebaut hatte. Dann waren da noch meine Mutter, mein Bruder, meine Tante mit Ihrer Familie. Die Cousine meiner Großmutter. Und noch ein paar an der Peripherie. In meiner kindlichen Vorstellung waren wir jemand. Und tatsächlich, meine Großeltern waren ja eine große Nummer bei uns im Ort. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es jemals anders sein könnte.

Die Familie kam regelmäßig zusammen und irgendwie war das für mich eine Gemeinschaft mit einem Zentrum. Und klaren Anführern.

Heute ist das irgendwie anders. Zerfaserter. Kein Clan mehr.

Da sind – aus meiner Sicht – meine Eltern, mein Bruder und seine Frau, nebst Kindern. Meine Tante und Onkel mit meinen drei Cousinen und Cousins. Meine Kinder, meine Frau. Die Eltern meiner Frau. Ihre Großeltern. Ihre Onkel und Tanten. Und so weiter und so fort. Wir sind viele. Aber kein Clan.

Es gibt nicht mehr das eine Zentrum, nicht mehr den einen Anführer. Vielleicht gab’s das auch nie, sondern nur in meiner Vorstellung. Aber ich mochte meine Vorstellung. Ich hoffe daher, dass wir wieder ein Clan werden. Vielleicht nicht in dieser und den vorherigen Generationen. Aber von nun an mit meinen Kindern.

Ich möchte meinen Kindern ein Zuhause geben, das sie als Zentrum sehen. An dem sie sich orientieren. Und ja, ich würde mich freuen, wenn meine Kinder immer wieder zurückkehren, weil sie uns als Mittelpunkt der Familie sehen. Das wäre schön.

Ich stelle mir vor, wie meine drei Kinder mit Ihren Partnern und Kindern Feste mit uns feiern. Das ist noch lange hin. Aber ich hoffe, es wird passieren. Wie meine Frau und ich am Kopf einer langen Tafel thronen, als Fundament.

Aber was heißt Familie heute eigentlich? Sind das nur Verwandte, per Geburt oder Heirat? Gehören dazu nicht heute, mehr noch als früher, auch Freunde?

Wenn ich mir so überlege, mit wem ich mich gerne umgebe, wem meine Loyalitäten gelten, wer mein Vertrauen genießt, und wer bei traditionellen Familienfeiern mit mir am Tisch sitzt, mit wem ich Weihnachten verbringe, dann sind da viele Menschen, die ich bewusst in mein Leben gelassen habe (und sie mich in ihres) und nicht nur Verwandte. Dennoch nenne ich sie Familie. Und auch sie will ich in meinem Clan haben.