Muffin. Ein Nachruf auf eine besondere Katze

„Sei vorsichtig mit Muffin!“ rief mir meine Frau zu. Ich stellte den Cupcake vorsichtig auf das Wagendach. Nicht DER Muffin, einfach nur Muffin. Das Gebäck war so groß, dass es nun keinen Artikel mehr brauchte. Wir schauten uns an, wenn wir mal Haustiere haben würden, dann hieße eins von Ihnen Muffin. Was passt dazu? Brownie. Die Namen hatten wir schon mal.

Und nicht lang danach war es soweit, zwei Fellbälle tapsten durch unsere Wohnung. Muffin und Brownie.

Muffin war die unauffälligere von beiden. Braun/grau getigert, sah ihr Fell aus, wie von jeder beliebigen Europäisch Kurzhaar. Aber beliebig war sie definitiv nicht.

Als ich morgens aufstehe, liegt Muffin unter der Couch. Sie sieht nicht gut aus. Dass sie sich verkriecht, ist ungewöhnlich. Mir schwant nichts Gutes. Kurz darauf kommt sie doch raus. Aber sie kann sich nicht gut auf den Beinen halten. In Windeseile bereite ich das Schmerzmittel vor.

Beide waren sie sehr anhänglich. Und ich vermenschlichte beide zu stark. Wenn sie abends nicht reinkam, blieb ich solange wach, bis sie da war. Einmal, es war ein Karfreitag, kam sie wieder nicht. Wir suchten mit Freunden und Familie die Nachbarschaft ab. Riefen. Nichts. Die ganze Nacht verbrachte ich auf der Terrasse. Sie blieb verschwunden. Morgens pflasterten wir die Gegend mit Suchplakaten. Und keine 20 Minuten später rief auch schon jemand an. Hier würde die ganze Zeit eine Katze rumstreunen, auf die die Beschreibung passt. Ich ging zu der Adresse und hörte tatsächlich etwas im dichten Gebüsch. Und da war sie, kroch auf mich zu und sprang mir in die Arme. Ich heulte wie ein kleines Mädchen vor Freude.

Ich gebe das Schmerzmittel. Sie setzt sich auf die Fensterbank. Es sieht nicht entspannt aus. Ganz verkrampft hockt sie da. Aber kurz darauf wirkt das Medikament. Sie legt sich hin und döst in der Sonne. Nur ein Athroseschub, denken wir uns. Wir fahren beruhigt zu einer Familienfeier.

Muffin mochte Kinder. Während Brownie eher Abstand hielt, war sie gerne bei den Kinder und ließ fast alles mit sich machen. Nach dem Umzug genoss sie den großen Garten. Und während der Kater auch mal auf Streifzüge ging, blieb sie eher bei uns.

Kleine Details erinnere ich gerne. Wie sie maunzte, wenn man sie aus dem Schlaf weckte. Oder wie sie miaute, wenn sie heftig geträumt hatte. Jeden Abend, wenn ich noch mal in die Küche ging, kam sie mit und hoffte, dass noch etwas für sie abfiel.

Morgens rannte sie als erstes mit mir runter, konnte es kaum erwarten, dass es Futter gab. Und auf das Kommando Fressen stürmte sie zum Napf.

Beim kraulen könnte sie nie genug bekommen. Aber wehe, man kam dem Bürzel zu nahe. Dann ging der Hintern aber hoch. Alle Versuche, ihr zu erläutern, dass sie keine Welpen bekommen konnte, waren vergebens. 🙂

Als ihr Bruder von uns ging, wurde sie noch anhänglicher. Jeden Abend lag sie mit uns auf der Couch, jede Nacht schlief sie bei uns im Bett. Wohin man ging, sie folgte einem Beifuß. Da dachten wir uns, vielleicht würde es ihr gefallen, wenn wir noch einen kleines Kätzchen dazu holen. Nun, einsam war sie danach nicht mehr. Aber gut fand sie die Idee wohl nicht. Sie strafte uns mit Liebesentzug. Das Wohnzimmer überließ sie dem Neuankömmling. Sie wohnte nur noch im Schafzimmer und kam nur zum Fressen und Freigang nach unten. Wenn Sie die kleine Lotti sah, dann wurde ordentlich gefaucht.

Aber mit der Zeit gewöhnte sie sich auch daran. Die beiden wurden zwar kein Herz und Seele. Aber für gelegentliches Schmusen reichte es dann doch. Nur konnte Lotti einfach nicht verstehen, dass die gesetzte Dame nicht permanent mit ihr balgen wollte.

Es war dennoch schön mit den beiden. Und auf ihre alten Tage fing Muffin dann sogar an, auf Streifzüge zu gehen. Das sah ich eher mit Argwohn. Ich bin da ein wenig übervorsichtig.

Nach der Feier gehe ich direkt zum Baseball. Ich denke nicht all zu viel an Muffin. Ich gehe davon aus, dass heute einfach kein so guter Tag ist. Als das Spiel vorbei ist, habe ich fünf Anrufe in Abwesenheit von Sabrina. Das kann nichts gutes bedeuten.

Ein halbes Jahr währt die neue Idylle. Dann, es ist der 30. Januar, ist Muffin irgendwie seltsam. Sie verkriecht sich unter dem Bett. Nichts kann sie rauslocken. Zunächst denke ich mir nichts dabei, gehe mit den Kindern Schwimmen. Aber die ganze Zeit nagt es in meinem Hinterkopf.

Als wir nach Hause kommen, kann ich sie rauslocken. Aber sie läuft, als ob sie Schmerzen hat. Am nächsten Morgen gehe ich mit ihr zum Notarzt. Der kann nichts feststellen. Sie hat ein bisschen Fieber, bewegt sich aber wieder gut. Sie bekommt Schmerzmittel und Antibiotika. Am nächsten Tag gehen wir noch mal zum Arzt. Blutuntersuchung, Ultraschall, Röntgen. Wir finden nichts. Jedoch geht er von Athrose aus. Auf einmal wird eine Pfote dick. Auch die Leberwerte sind seltsam. Noch mal Röntgen, es findet sich eine Entzündung im Knochen. Sie bekommt neue Antibiotika. Die Pfote wird schmaler. Aber keine Erklärung für die Leberwerte.

Nach 10 Tagen sind die Antibiotika aufgebraucht. Und eine Woche lang ist alles gut. Dann auf einmal wieder Pfote dick, neue Medikamnte, Fischen im Trüben, es ist eine Tortur für Mensch und Tier. Muffin ist gestresst, verliert Gewicht. Ständig guckt man nur auf die Katze, es ist ein furchtbares Leben. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Dann plötzlich, werden auch die anderen Pfoten dick. Dadurch haben wir eine Diagnose. Plasmazelluläre Pododermitis, eine Autoimmunkrankheit. Auslöser unbekannt, keine vernünftige Behandlung möglich, aber nicht lebensbedrohlich.

Ab jetzt geben wir nur noch die Schmerzmittel gegen die Athrose und beschließen, nichts mehr zu machen. Wir brauchen alle eine Pause. Und sauteuer wars auch bis hierhin.

Glücklicherweise ist meine Frau jetzt im Mutterschutz. Die Katzen können auf einmal so viel raus, wie sie wollen. Und da die kleine Lotti nicht im Garten zu halten ist, gewöhne ich mich daran, dass beide Katzen durch die Gegend streifen. Für ein paar Wochen ist das Leben wieder schön. Muffin liegt abends wieder bei uns. Sie humpelt zwar ein bisschen und ist immer noch mager. Aber ihr scheint es gut zu gehen. Ich beginne zu glauben, dass sie doch noch ein paar Jahre bei uns bleibt.

Sabrina war mit Muffin beim Notarzt. Und die hat ihr geraten, Muffin zu erlösen. Sabrina hatte Muffin nach der Feier hechelnd in der Ecke gefunden. Ihr ging es sehr schlecht. Da meine Frau aber nicht allein entscheiden kann und will, dass es nun zu Ende ist, päppelt die Ärztin Muffin noch mal wieder auf. Infusion, Medikamente, mehr Schmerzmittel. Sie hat über 40 Grad Fieber.

Als ich Abends nach Hause komme, liegt Muffin unter der Couch. Wir müssen wohl am nächsten Tag dem Leiden ein Ende setzen. Was auch immer sie gerade umbringt, wir haben wohl verloren.

Wie fasst man 10 Jahre Katzenleben zusammen? Wie mache ich euch begreiflich, was meine Muffin für mich bedeutet hat? Wie sehr ich sie geliebt habe. Und wie viel Liebe ich von ihr zurückbekommen habe. Wie es mich glücklich machte, wenn sie schnurrend neben mir lag. Wie sie einen mit großen runden Augen ansah, wenn sie auf Futter wartete.

Auf einmal kommt sie unter der Couch hervor. Sie schwankt, kann sie kaum auf den Beinen halten. Sie schaut Sabrina an und miaut herzzerreißend. Ich nehme sie auf den Arm, wohl zum letzten Mal. Auf der Fensterbank krampft sie, übergibt sich. Das können wir nicht mit ansehen. Wir fahren nach Norderstedt, in die Tierklinik.

Dort müssen wir drei Stunden warten. Drei Stunden, mit einer sterbenden Katze auf dem Schoß und verstörten Kindern dabei. Muffin wird noch einmal untersucht. Aber das Wunder bleibt aus. Morgens um halb eins zieht die Ärztin die Spritzen auf. Da kommt noch mal Leben in Muffin, sie kämpft bis zu letzt. Aber es ist aussichtslos. Ihr Zustand ist zu schlecht, trotz regem Appetit hat sie wieder Gewicht verloren. Ihr Fell fällt aus, sie hat Fieber und Schmerzen. Wir dürfen sie nicht weiter leiden lassen.

Ein paar Minuten später hebe ich ihren federleichten und leblosen Körper in den Korb. Es ist vorbei.

Meine Muffin war bei jeder bedeutenden Station meines Lebens dabei. Hochzeit, die Geburt der Kinder, alles haben wir gemeinsam erlebt. Und nun ist das Vorbei. Ein ganzer Lebensabschnitt ist vorbei. Muffin und Brownie waren meine ersten eigenen Tiere. Und nun sind sie beide nicht mehr da.

Ich schaffe es nicht mehr, sie noch in der Nacht zu begraben. Bis zum Morgen liegt sie auf der Terrasse, geschützt von ihrem Korb und einer Decke.

Am nächsten Morgen hebe ich das Grab aus. Nun ist es soweit, ich wickele ihren steifen Körper aus der Decke und drücke sie noch mal an mich. Alle Dämme brechen, es bricht unkontrolliert aus mir heraus. Ich weine, wie selten zuvor in meinem Leben. Ich kann nichts mehr für Sie tun, ich habe sie nicht beschützen können.

Behutsam wickele ich sie wieder in ihre Decke und lege sie in einen Karton. Vorsichtig lassen wir diesen Sarg in das Grab, direkt neben ihrem Bruder. Ruhe sanft, meine Katze.

In die Trauer mischt sich auch Erleichterung. Das letzte halbe Jahr war eine Belastung und ihr ging es nicht gut. Wir haben ihr die letzten Wochen so schön, wie möglich gemacht. Sie war so gut wie nie allein.

Nun blicken wir nach vorn.

Ich werde meine Muffin immer lieben. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen. Du wirst nicht vergessen.

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