Wann ist das denn passiert?

Der Ton wird täglich rauer. Wer eine Meinung hat,  dem wird automatisch angedroht, dafür getötet zu werden. Was geht ab bei uns?

Es ist ganz natürlich, dass nicht jeder die selbe Weltanschauung hat. Daraus resultiert, dass alles, was mindestens den öffentlichen Raum betrifft, vor einer Entscheidungsfindung diskutiert wird. Mit dem Ziel, einen Konsens zu finden. Pro und Contra werden abgewogen und am Ende wird eine allgemein akzeptierte Lösung gefunden. Soweit die Theorie.

In der Praxis sieht das ganze mittlerweile so aus, dass auf der einen Seite lösungsorientierte und vernunftbegabte Menschen stehen. Die sind zwar nicht alle derselben Meinung. Jedoch sind sie für die Argumente der Gegenseite aufgeschlossen. Diese Menschen wollen einen Konsens erreichen. Und dann gibt es die Trolle. Die Trolle tragen nicht zu einer elaborierten Entscheidungsfindung bei. Nein, sie brüllen unqualifizierten Scheiss in die Diskussion (Wir sind das Volk, so als Beispiel). Ihre „Argumente“ gehen an jeder Lebenswirklichkeit vorbei, sind allein auf Angst gegründet, mit gesicherten Fakten nehmen die Trolle das nicht so genau, Gerüchte nehmen Trolle gerne als gesicherte Erkenntnis, wenn sie ihrer Sichtweise entsprechen. Und wenn das alles nicht hilft, dann wird wahlweise dem anderen Diskussionsteilnehmer oder dem Diskussionsgrund (Beispiel Flüchtlinge) Gewalt und Tod angedroht. Dabei gehen Trolle weitestgehend ohne Gespür für Ironie vor.

„Flüchtlinge sind alle unzivilisierte Gestalten. Lasst uns besoffen Parolen gröhlen und ihre Heime abbrennen…“

„Der Clown hat unsere Mausrutscherin mit einer Torte beworfen. Lasst uns ihn verprügeln und umbringen…“ (Vorher beklagte sie sich, dass Menschen Autos anzünden oder Torten werfen…)

„Unbewaffnete Flüchtlinge übertreten illegal die Grenze (um Asyl zu beantragen). Lasst uns auf sie schiessen. Das steht so im Gesetz!“

„Gutmenschen behaupten, nicht alle Flüchtlinge sind Vergewaltiger. Lasst uns sie vergewaltigen…“

Wer extrem vergnügungssüchtig ist, schaut mal in die entsprechenden Kommentarspalten. Ich ertrage das nicht mehr, ob der offensichtlichen Dummheit einiger „Diskussionsteilnehmer“.

Aber lasst uns kurz etwas festhalten. Der Umgang mit der Flüchtlingskrise ist diskussionswürdig. Ob der Kurs der Kanzlerin der richtige ist, muss erörtert werden. Aber gesittet. Und mit sachlichen Argumenten. Am Ende findet man einen Konsens, von der Mehrheit getragen. DAS ist Demokratie.

Wir sind das Volk brüllen, Gewalt anwenden, menschverachtend sein, Lügenpresse brüllen, rummsdumm Gerüchte verbreiten, etc., das ist KEINE Demokratie.

Wenn man „unsere“ Werte verteidigen will, dann gehört es zuerst einmal dazu, unser Grundgesetz zu achten. Und dann gehört es dazu, sich auch mal zu informieren und zu verinnerlichen, was es mit unserer parlamentarischen Demokratie auf sich hat.

Kleiner Exkurs: Wir (das Volk) wählen Vertreter, und statten sie mit dem Mandat aus, während der Legislaturperiode (nein, das hat nichts mit Tampons zu tun) in unserem Namen Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen sie sich nicht immer wieder absichern, diese Vollmacht haben wir ihnen bei der Wahl gegeben. Klingt komisch, ist aber so.

Wenn uns diese Entscheidungen nicht gefallen, können wir nicht per se Neuwahlen fordern. Denn wir haben diese Vertreter schliesslich mit einem Mandat ausgestattet. Wird uns das zu blöd, können (und dürfen, sh. GG) wir beispielsweise Demonstrieren. Dieses Recht nimmt PEGIDA ja gerne in Anspruch. Und sollen sie auch. Daran ist ja erst mal nichts Verwerfliches. Und ja, man darf auch die Meinung haben, dass Deutschland keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen sollte. Diese Meinung darf man auch gerne lautstark vertreten.

Nur jetzt kommt der Haken: Wer am lautesten brüllt, hat und bekommt nicht automatisch Recht. Da kommt jetzt wieder diese lästige Sache mit den fundierten Argumenten. Und wenn ich zu oft und zu laut Blödsinn heraus posaune, dann nimmt man mich nicht mehr ernst und ich werde von der sachlichen Entscheidungsfindung ausgeschlossen. Darüber sollte DAS VOLK vielleicht mal nachdenken.

Aber woher kommt dieses Gepöbel? Wann haben wir uns von der sachlichen Konsensfindung distanziert? Warum gibt es nur noch Extreme? Warum bedeutet es heutzutage automatisch, das wenn ich meine Meinung vertrete, ich Deine Meinung niedermachen muss? Und ist es auch nicht für die Anhänger vom eher rechten Rand total nervend, dass niemand auf ihre Argumente eingeht?

Leute, hier kommt die Wahrheit. Wenn wir die Probleme der heutigen Zeit lösen wollen, geht das nur über Konsens. Und sich über das Grundgesetz beklagen aber gleichzeitig vehement die Umsetzung der Gesetze einfordern, ist ein wenig sinnfrei. Wir müssen ausserdem Verhältnismäßigkeiten wahren. Auf Sahnetorten mit Mord zu reagieren, dass müsste doch jedem einleuchten, ist Schwachsinn. Und ich frage mich, wie eigentlich diese Klientel reagieren würde, wenn man, sofern sie sich sachlich äusserten, mit Gewalt drohen würde? Hm…

Das Recht, meine Meinung zu äussern beinhaltet auch die Pflicht, meine eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen. Hinzukommend muss ich mir bewusst machen, was eine Meinung ist. Und was vielleicht nur ungesetzliche Hetze ist. Ausserdem sollte ich mich über die Gesetze informieren, auf deren Basis ich argumentiere.

Wir müssen uns informieren und Informationen kritisch hinterfragen. Wenn eine Website verbreitet, dass Asylanten den Streichelzoo in Stadt XY zwecks Schächtung geplündert hätten aber es in XY nie einen Streichelzoo gab, dann müsste doch JEDEM einleuchten, dass dieses Gerücht falsch ist. Und gleichzeitig müssten auch alle anderen Inhalte dieser Website auf den Prüfstand.

Noch ein Exkurs: Wir erwarten heutzutage Nachrichten in Echtzeit. Gleichzeitig soll alles richtig und elementar wahr sein. Nur so funktioniert das nicht. Wenn etwas passiert, muss das erst mal jemand (ein Journalist) merken. Im nächsten Schritt muss dieser Journalist sich ein Bild der Lage verschaffen. In diesem Augenblick könnte er nur berichten, was er wahrnimmt. Aber damit auch wirklich relevante Informationen transportiert werden können, muss das Ereignis geprüft und eingeordnet werden. Erst DANN ist eine seriöse Berichterstattung notwendig.

Eine verspätete Berichterstattung ist nicht gleich eine erlogene Berichterstattung. Aber wer noch im Augenblick des Geschehens bereits eine abgeschlossene Einordnung liefert, handelt fahrlässig.

Nur weil die Berichte der etablierten Medien nicht in mein Weltbild passen, sind sie nicht automatisch falsch.

Also, kehrt zurück zur Sachlichkeit. Hört euch an, was die Gegenseite zu sagen hat. Denkt über die Argumente nach, prüft sie. Und dann begegnet ihr der Rede mit einer zivilisierten, auf Fakten basierenden, sachlichen Gegenrede. So geht Konsens, so geht Demokratie.

Nur weil ich nicht Deiner Meinung bin, bin ich nicht Dein Feind.