Mit zweierlei Maß gemessen

Letztens war ich im Theater. Eine ambitionierte Schülertruppe interpretierte klassischen Highschool-Stoff. Weit aufwühlender, als die Performance, war jedoch ein Vorfall im Foyer. 

Um uns die letzten Minuten vor dem Vorhang nicht lang werden zu lassen, nahmen wir noch einen Drink an der Sektbar. Wie mondän. Einer älteren Dame stand ich offenbar im Weg. Aber anstatt mich darum zu bitten, beiseite zu gehen, fing sie an, mir den Rücken zu kraueln. Zunächst war ich bloß irritiert. Kannte ich die Dame vielleicht? Nein. Und obschon der Weg nun frei war, hörte sie nicht auf, mir den Rücken zu kraulen. Nun war ich nicht mehr bloß irritiert, nein, das gekraule war mir äußerst unangenehm. Und das macht ich auch deutlich. Ich bat sie sehr nachdrücklich, damit aufzuhören und sagte ihr unmissverständlich, dass mir diese Berührung unangenehm ist! 

Ihre Reaktion überraschte mich. Statt sich einfach zu entschuldigen, überging sie meine Einwände und tat diese ab. Offenbar war für diese Dame ein Nein nicht unbedingt ein Nein. Aber nicht genug! Ihre Begleitung, ebenso im Rentenalter, fragte belustigt, ob mir das denn nicht gefallen hätte? Nein! Ganz und gar nicht! Nochmals wies ich die Damen darauf hin, dass es mir sehr unangenehm sei und ich solche Berührungen auch nicht wünsche.

Weiterhin keine Entschuldigung. Eher totales Unverständnis, warum ich mich denn nicht betatschen lassen wolle. Ich war wie vor den Kopf geschlagen.

Jetzt stellen wir uns einmal vor, ich sei ein zartes junges Mädchen. Und die ältere Dame sei ein Herr. Nun, diese Episode fände sich wohl unter #aufschrei in den sozialen Medien wieder. Und jeder hätte wohl Verständnis, wenn ich (als zartes junges Mädchen) dem Belästiger mal ganz geschmeidig die Faust durchs Gesicht gezogen hätte. Nicht vergessen, ich habe laut und deutlich nein gesagt, die Lustgreisin blieb aber übergriffig.

Nun, offensichtlich bin ich aber kein zartes junges Mädchen. Ich bin „ein ganzer Kerl“. Hätte ich also meine Hand gegen die Dame erhoben, ich wäre auf einmal der Aggressor in dieser Geschichte gewesen. Aber auch so, wie es sich zugetragen hat, flog mir das Verständnis nicht gerade zu. Ich solle mich nicht so anstellen, was sei denn schon passiert? Nun, passiert war, dass jemand ungefragt in meinen persönlichen Bereich eindrang und auch nach Aufforderung nicht damit aufhörte. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, wurde mein Empfinden und ich als Mensch herabgesetzt. Lacht euch ruhig darüber tot, aber ich fühlte mich gedemütigt und war wehrlos. Nur weil ich ein breites Kreuz habe und eine ältere Dame die Betatscherin war, muss ich das klaglos über mich ergehen lassen? Wieso ist das Ok, wenn es doch andersherum völlig zu Recht eben NICHT Ok gewesen wäre?

Wir messen hier mit zweierlei Maß. Und das muss aufhören. Andere Menschen gegen ihren Willen zu betatschen ist nicht Ok, vollkommen unabhängig davon, in welcher Konstellation das passiert. 

Aber bevor ich mich hier zum Moralapostel aufschwinge, ich messe auch mit zweierlei Maß. Denn stellen wir uns spaßeshalber vor, die ältere Dame wäre eine junge scharfe Blondine gewesen, die sich kraulenderweise ihren Weg durch die Masse gebahnt hätte. Wäre ich auch so unangenehm berührt gewesen? Würde ich mich an dieser Stelle beschweren? Nein, eher nicht. 

Aber Moment mal, was heult der Typ hier dann so rum? Erst sich beschweren und dann sowas? Ja, an dieser Stelle bin ich ambivalent. Ich entscheide tatsächlich individuell, wer in meine Comfortzone eindringen darf, und wer nicht. ICH entscheide. Dafür muss ich mich nicht rechtfertigen, das muss ich nicht begründen und das muss auch keinem anderen moralischen Standard genügen, als meinem eigenen. 

Im Umkehrschluss gilt: wir behalten unsere Hände und Kommentare alle schön bei uns, bis wir eingeladen werden. Egal ob Männlein oder Weiblein, ob jung oder alt. Basta.