World Press Photo oder: Was läuft bloß falsch bei uns?

Dem normalen Mitmenschen unterstelle ich jetzt einfach mal, dass er in der Regel nach Glück und Zufriedenheit strebt. Der normale Mensch wird wohl den Frieden dem krieg vorziehen. Und der normale Mensch wird wohl eher in einer stabilen Welt leben wollen, in der die Umwelt noch intakt ist.

Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus.

Heute bin ich im Verlag Gruner+Jahr gewesen, um mir dort preisgekrönte Fotos des World Press Photo anzuschauen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31.05.2015.

Ich wollte tolle Fotos sehen. Ich sah tolle Fotos. Aber schön waren sie nicht. Egal auf welches Bild ich blickte. Ich sah nur Tod. Verderben. Unglück. Unvorstellbares Leid. Zerstörung.

Was ich nicht sah, war eine Hoffnungsschimmer, dass unsere Welt noch nicht vollkommen den Bach runter geht. Irgendein Zeichen, dass die Menschheit zur Besinnung kommt. Aber da war…nichts.

Ich sah Bilder aus der Ukraine, vom Maidan. Ich sah Bilder aus Palästina, beim Fussballspielen von Raketen getötete Kinder. Ich sah Bilder aus dem Iran, wo die Todesstrafe noch immer der Standard bei schweren Verbrechen ist. Ich sah Bilder aus China, wie dort die Umwelt vollkommen zerstört wird. Ich sah Bilder aus Afrika, wie dort die Welt vollkommen bei der Bekämpfung von Ebola versagt. Ich sah wieder Bilder aus der Ukraine, Menschen, die aus Flugzeigen gefallen waren.

Offenbar kann man nur dann einen Preis mit einem Foto gewinnen, wenn das Motiv möglichst grausam ist.

Was sagt das über uns?

Wollen wir das Schöne nicht sehen? Wollen wir keine Beweise dafür, dass die Welt nicht nur schrecklich ist? Oder erkennen wir die Schönheit und Liebe auf solchen Bildern nicht und erachten wir sie daher als eines Preises unwürdig? Ist das Motiv eines lachenden Kindes auf einem Spielplatz nicht mächtig genug, um gegen die alltägliche Zerstörung zu bestehen?

Oder, was noch viel schlimmer wäre, ist die Schönheit und Liebe bereits geschlagen? Gibt es nur noch Tod und Zerstörung?

Was mich zurück zum Anfang bringt. Wieso lässt sich die Masse der friedliebenden Menschen – ich unterstelle einfach mal, dass wir die Mehrheit sind – von raffgierigen Konzernen, von machtgeilen Potentaten, von verblendeten Fanatikern, unterdrücken, gängeln und versklaven?

Und warum stehen wir nicht denen bei, die vor dem Bösen auf der Flucht sind? Warum lassen wir Menschen ertrinken, weil in unserer Wahrnehmung unseren Wohlstand gefährden könnten? Warum tolerieren wir europäische Staatschefs, die ernsthaft behaupten: Die Flucht nach Europa sei für viele eine Lustreise, ein „heiterer Nachmittagsspaß“.? Nur so als kleines Beispiel für unser tägliches Nichtstun.

Wenn wir den Frieden doch so Lieben und nach Glück streben, warum machen wir dann immer weiter auf dem Weg der Zerstörung? Gibt es überhaupt einen anderen Weg?

Noch glaube ich daran. Nur müssen wir dafür endlich begreifen, dass wir alle eins sind. Grenzen sind willkürlich von Menschenhand gezogen. Wir müssen unsere Differenzen überwinden. Das bedeutet jedoch nicht, unsere Identität aufzugeben. Das müssen wir uns auch klarmachen, dass nicht alle dasselbe glauben können und sollen. Dass nicht alle nach dem selben Entwurf Leben müssen. Aber ein großer Konsens, das Streben nach Glück und eine gerechte Verteilung des Zugangs zu unseren Ressourcen müssen unsere obersten Leitlinien sein.

Wir haben nur diese eine Welt. Wenn wir alles zerstört und verbraucht haben, dann können wir nirgendwo hin, das muss uns endlich klar werden. Daher müssen wir uns auch davon befreien, materiellen Reichtum zu glorifizieren. Klar, ich wäre auch gerne reich. Ich liebe es, Dinge zu haben. Aber genau dieses Dinge haben wollen, wird uns zerstören. Wie wäre es mit mehr sein und dafür weniger haben? Es ist genug für alle da. Und es ist sogar immer noch genug da, damit auch die Frieden finden, die mehr als andere haben wollen. Nur wenn wir uns weiter gegenseitig umbringen, wird am Ende niemand gewinnen. Denn mit Geld kann ich mir nur Dinge kaufen, wenn auch noch Dinge da sind.

Noch während ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich Push-Nachrichten aus der Hölle. Putsch in Burundi, Massaker in Pakistan, Griechenland zurück in der Rezession, der Nachrichtenstrom reißt nicht ab.

Ich würde gerne mal Nachrichten gepushed bekommen, die mir so etwas sagen: Monsanto zerschlagen, TTIP für immer gekippt, Obama und Iran schließen Frieden, Nord- und Südkorea beenden Kriegszustand, Israel stimmt einem souveränen Palästina zu, Artensterben im Ozean aufgehalten…

An manchen Tagen würde es vielleicht schon mal folgendes reichen: Heute keine Massaker von Boko Haram, Bundestag macht gesunden Menschverstand für Politiker verpflichtend, Deutschland beschliesst Verbot für Plastiktüten. Immer noch zu groß?

Vielleicht sind wir doch nicht mehr zu retten?