Abschied

Gestern musste ich aus heiterem Himmel von meinem besten Freund auf dieser Welt Abschied nehmen. Meinem Kater Brownie. Wie aus dem Nichts wurde bei ihm Wasser in der Lunge festgestellt. Ursache war ein Lungenkarzinom. Keine Aussicht auf Heilung.

Es ging alles so schnell. Am Mittwoch Morgen wunderte ich mich, dass er keinen Appetit hatte. Abends wirkte er dann nicht wie er selbst und wir sind schnell in die Tierklinik Norderstedt gefahren. Wir dachten, er hätte bloss wieder einen festsitzenden Grashalm. Aber es kam anders. Keine 24 Stunden später musste ich die bis dahin schwerste Entscheidung meines Lebens treffen.

Noch am Montag streifte er durch den Garten und hockte zwischen den Johanisbeeren, wo er immer gerne saß. Ein paar Tage später habe ich ihn genau dort begraben. Brownie wurde neun Jahre alt.

Aber eigentlich will ich euch gar nicht so sehr von seinem Tod erzählen. Ich möchte von seinem Leben erzählen.

IMG_8308Brownie und seine Schwester Muffin kamen im Frühsommer 2006 zu uns. Meine Frau und ich waren erst ein paar Monate vorher in unsere erste offiziell gemeinsame Wohnung gezogen und planten unsere Hochzeit. Wir hatten uns so sehr Katzen gewünscht und auf einmal tapsten da diese beiden Fellknäuel auf ihren ungewöhnlich langen Beinen durch unsere Wohnung. Ab diesem Tag war alles anders.

Die beiden stellten unser Leben gehörig auf den Kopf. Zerkratze Tapeten, überall verteiltes Katzenstreu, Graskotze auf beigem Teppich, das volle Programm. Ich liebte jede Minute davon. Die beiden waren unser ein uns alles und wurden verhätschelt, wie der Kinderersatz, der sie waren. IMG_8311

Kurz darauf heirateten meine (nun) Frau und ich. Hochzeitsreise fiel erst mal aus, die Katzen waren ja noch zu klein. 🙂 Wir verbrachten den Sommer zu Haus, wo die beiden die Nachbarschaft erkundeten. Katzen streunen gerne herum. Das gehört so. Nur war mein Herz dafür nicht gemacht. Ständig habe ich sie wachsam beobachtet und bin hinter ihnen her. Dass sie vielleicht nicht nach Hause finden oder aus anderen Gründen die Nacht draussen verbrachten, daran wollte ich gar nicht denken. Wenn die beiden nicht alle 15 Minuten vorbeischauten, war ich der Panik nahe. Und doch, eines Tages kam Muffin nicht nach Hause. Am nächsten morgen pflasterten wir die Nachbaschaft mit Suchpostern. Und hatten Erfolg! Muffin war keine 50 Meter, in Sichtweite, unter einem Strauch und fand nicht nach Haus. Sie war keine 24 Stunden weg gewesen und das war die bis dahin längste Zeit meines Lebens.

Front CameraAb da intensivierte ich meine Katzenpatroullien noch. Ich war ganz schön überfürsorglich. Darüber lachten einige. Aber ich hatte mir geschworen, dass die beiden nie verloren gehen, nicht von Autos überfahren werden oder ähnliches. Der erfolg gibt mir Recht. Nur vor dem, was dann geschah, konnte ich Brownie nicht beschützen.

Eines Sonntagsmorgens, wir sassen gerade bei Frühstück, kam er von draussen reingestürmt und versuchte, auf meine Zeitung zu urinieren. Ohne Erfolg. Ich sah ihm an, dass er Schmerzen hatte. Wir sind sofort zu einem Tierarzt. Der diagnostizierte eine Blasenentzündung. Er lag falsch.

Brownies Zustand verschlechterte sich zusehends. Wir gingen am nächsten Tag zu unserer eigentlichen Tierärztin. Nach vielem Hin und Her stellte sich heraus, dass unser Kater das normale Futter nicht vertrug und sich Kristalle in seinen Nieren und der Blase gebildet hatten, die nun das Wasserlassen verhinderten. Sie konnte ihn gerade noch so retten.

Oh, war das eine schreckliche Zeit. Eine ganze Nacht lang lag ich mit ihm auf dem Boden und hielt ihn, als er vor Schmerzen ständig würgen musste. Es stand ganz schön auf der Kippe. Die Ärztin hatte bereits überlegt, seinen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Aber das liess ich nicht zu, ich glaubte daran, dass er es schaffen würde. Und das tat er!

Aber auch, wenn er nun gesund war, leicht wurde es nicht. In der Folge der Krankheit hatte er eine Zeitlang Inkontinenz. Und die ganze Wohnung roch wie ein Katzenklo. Doch auch das konnten wir meistern.

Nun konnten wir endlich unsere Hochzeitsreise antreten. Normale Menschen würden jemanden bitten, 1-2 mal am Tag nach den Katzen zu sehen, Futter, Wasser, Klo sauber machen. Normale Menschen.IMG_3947

Ich dagegen redete auf meine Mutter ein, dass sie für die Dauer der Reise zu uns zieht und so rund um die Uhr auf die Katzen aufpasst. So konnten wir beruhigt abreisen. Auch bei jeder weiteren Reise war meine erste Sorge, wer sich um die Katzen kümmert und sie umsorgt.

Aber ein paar Monate später bekam er diese Krankheit noch mal. Das Hoffen und Bangen ging von vorne los. Die schlaflosen Nächten, das Füttern mit der Kanüle, Wasser einflössen Tropfen für Tropfen.

IMG_8310Das war Stress für uns alle, besonders für meine Frau, die zu dem Zeitpunkt schwanger mit unserem Sohn war. Aber der Kater schaffte es auch diesmal! Die Behandlungen hatten mich mehrere Tausend Euro gekostet. Aber das würde ich immer wieder für ihn tun.

Kurz darauf bekamen wir Zuwachs und waren nun eine „richtige“ kleine Familie.

Das Leben war schön. Die Katzen hatten Freunde gefunden – Luten und Stine, zwei kleine Kätzchen im selben Alter – und Brownie und ich pflegten unser Kumpeltum. IMG_8309

Morgens, wenn ich in der Dusche stand, lag er immer auf der Waschmaschine nebenan. Wenn ich auf dem Klo sass, lag er auf meinen Füssen. Wenn ich irgendwo mit Werkzeug hantierte, schaute er sehr interessiert zu. Und wenn ich auf der Couch lag, dann lag er auf meinem Bauch.

Irgendwann wurde die Wohnung zu klein und wir bezogen ein kleines Häusschen mit riesigem Garten. Der eingezäunt war. Endlich konnte ich die Katzen beruhigt nach draussen lassen. So dachte ich.

Es war Heiligabend 2008. Die Katzen durften das erste mal im neuen Heim nach draussen. Und der Kater fand zielsicher das einzige Loch im Zaun.

Nun war es so, dass Brownie im Haus oder im Garten unglaublich anhänglich gewesen ist. Nicht so auf der anderen Seite des Zauns! Dort lief er vor mir weg. Weder mit guten Worten noch gutem Futter war er davon zu überzeugen, wieder rein zu kommen. Und das, kurz bevor die Gäste kamen! Nun, normale Menschen würden einfach warten, bis der Kater von alleine wieder ankam. Wie gesagt, normale Menschen. Ich dagegen hetzte durch die Vorgärten unserer Nachbarn, immer hinter dem Kater her. Das muss ein sehr seltsames Bild gewesen sein. Drinnen sassen alle besinnlich beisammen und auf einmal stürmt ein dicker Kater gefolgt von einem nicht minder kräftigen Typen durch den Garten.

Aber irgendwann hatte ich ihn! So, Weihnachten konnte losgehen.

IMG_5704Dicker Kater? Auf den oberen Bildern sieht er doch so schlank aus? Ja, das war er auch. Aber infolge seiner Krankheit musste er spezielles Futter bekommen. Und das war sehr kalorienreich. Da wir unsere Tiger weiterhin verwöhnten, ging Brownie auf wie ein Hefeteig. Kurz darauf war er Acht Kilo schwer.

Aber ich sagte mir immer: Lieber dick als tot!

Und so vergingen die nächsten Jahre. Mittlerweile waren wir zu sechst, unser Sohn hatte noch eine Schwester bekommen. Aber eigentlich hatte ich vier Kinder, zwei Zweibeiner und zwei Vierbeiner. Ich liebe meine Katzen stärker, als so manchen Menschen in meinem Leben. Und ich bekam so viel von den beiden Samtpfoten zurück.

Beide waren unglaublich verschmust und suchten immer unsere Nähe. Nur zu den Kindern hatte der Kater ein eher reserviertes Verhältnis. Was wohl daran lag, dass meine Tochter ihn immer durchs Haus gejagt hat. Was aber unserer Bromance keinen Abbruch tat. Sass ich auf der Couch, sass er neben/auf mir oder lag zu meinen Füssen. Er liebte es, mir Hände, Füsse und Ellenbogen abzuschlecken. Was mir wiederum nicht ganz so gefiel. Wir beide aber liebten es, gemeinsam Mittagspause zu machen, er auf meinem Bauch. Auch sassen wir gerne draussen zusammen in der Sonne und genossen das Leben.Telefon neu 529

Jeden Morgen um halb Sechs sass er auf dem Treppenabsatz und forderte lautstark sein Frühstück ein. Wenn man nicht reagierte, fand er irgendwie einen Weg am Treppengitter vorbei und schlich sich ins Schlafzimmer. Dort schnurrte er so lautstark, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Damit aber nicht genug. Er turnte auf dem Bettrahmen herum, hielt einem den Hintern unter die Nase, sprang auf den Nachttisch und schmiss runter, was er finden konnte. Und wehe, dort lag ein Kabel herum.

Brownie liebte es, Kabel zu zerbeissen, vorzugsweise iPhone-Ladekabel. Unzählige musste ich ersetzen. Er fand sie überall. Und wenn er dafür meine Arbeitstasche durchwühlen musste.

iPhone 016Apropos Tasche. Wenn ich Koffer für Reisen packte, hatte er eine wenig subtile Art, uns am Reisen zu hindern. Er legte sich auf die Tasche! Und wenn man ihn da runter hob, schaute er einen so mitleidig an, dass man gleich ein schlechtes Gewissen hatte.

Und wo wir schon beim Thema sind, Brownie liebte es, auf Taschen zu liegen. Mein Messengerbag, Laptoptaschen, Tüten, egal. Lag auf dem Boden eine Tasche, lag er bald darauf drauf. Oder Klamotten. Es reichte ihm nicht, tagsüber in unserem Bett zu kuscheln, nein, wenn da ein Hemd oder eine Hose von mir lag, dann war das seine Unterlage. Konnte ich ihm dafür böse sein? Nein. Dann war das Hemd halt knitterig und voller Katzenhaare.

  
Ich liebte meinen Kater abgöttisch, wenn es ihm nicht gutging, ging es auch mir nicht gut. Und wenn es mal mir nicht gutging, dann war er bei mir. Das Haus ist jetzt leerer ohne ihn.IMG_6200

Wie beschreibt man ein Katzenleben, wie transportiere ich die ganzen Dinge, die unausgesprochen passierten? wie mache ich begreiflich, dass da etwas besonderes zu Ende gegangen ist? Ich will meinen Kater nicht vermenschlichen. Aber ich kann auch nicht sagen, dass er nur irgendein Tier war, das neben mir herlebte. Er war ein Teil dieser Familie. Sein Tod reisst ein Loch, dass nicht zu füllen sein wird, hinterlässt eine Narbe auf meiner Seele. Er wurde nur neun Jahre alt. Aber in diesen neun Jahren war er bei jedem Meilenstein meines Lebens dabei. Meine Hochzeit, die Geburten meiner Kinder, alle Höhen und Tiefen eines gewöhnlichen Lebens, bei allem gibt es auch eine Erinnerung an ihn.

Sabrina IPhone 1310Erinnerungen an ihn, wie er maunzend vor der Badezimmertür sass, bis man aufmachte. Nur zu dem Zweck, dass sein Mensch ihn kraulte und er dabei war. Erinnerungen, wie er so tat, als ob er gleich verhungern würde, obwohl jemand anders ihm gerade Futter gegeben hatte. Erinnerungen, wie er sich auf Besucher stürzte, um von ihnen gekrault zu werden. So, als ob er hier vernachlässigt werden würde. Erinnerungen, wie er im Apfelbaum sass und erst oben feststellte, dass Klettern nicht sein Talent war. Erinnerungen, wie er seine Pfote über die Augen legte, wenn er schlief. Erinnerungen, wie er sich mit seine Schwester kloppte und ganz irritiert war, wenn sie das nicht so lustig fand. Erinnerungen, wie er mich häufig schon an der Tür begrüsste, wenn ich von der Arbeit kam. Erinnerungen, ich ich mir fast die Rippen brach, als ich mit ihm an einer Leine Gasse gehen wollte. Erinnerungen, wie wir gemeinsam einfach nur auf der Couch lagen. Erinnerungen an die Sorgen, wenn er nicht auftauchte, wenn ich ihn rief. Und Erinnerungen an die Erleichterung, wenn er dann plötzlich Sabrina IPhone 183neben mir stand. Aber auch Erinnerungen an das verzweifelte Hoffen und Flehen vor seinem Tod und Erinnerungen daran, dass wir zusammen waren, als das Leben ihn verliess.

Für andere war er vielleicht nur ein dicker Kater. Für mich war er so viel mehr. Und ich werde ihn nie vergessen, mein kleines Katzenkind. Mein Herz ist gebrochen, wie nie zuvor.

Ruhe sanft, mein Freund. In Liebe.

Dein Papa.

IMG_8306