Unser Schulsystem muss sich ändern!

Nicht für die Schule – für das Leben lernen wir. Ja, genau! Unser Schulsystem ist überhaupt nicht darauf ausgerichtet, uns irgendetwas für das Leben beizubringen!

 In der Bahn saßen gestern zwei Gymnasiasten neben mir. Sie unterhielten sich über ihre mündlichen Noten. Mündliche Noten, wenn ich das schon höre! Wofür sollen die gut sein? Was genau soll es über einen Menschen als bewertung aussagen, ob er am Unterrichtsgeschehen durch Wortmeldungen teilgenommen hat? Ist er dadurch klüger als andere? Weiß er dadurch mehr? Blödsinn. Introvertierte Typen reden nun mal nicht gerne vor Publikum, beispielsweise. Das muss sie aber nun nicht zwingend davon abhalten, brilliante medizinische Forscher zu werden, die irgendwann mal krebs heilen. Aber sorry, keine Wortmeldung, also schlechte mündliche Note, also schlechtes Abi, kein Numerus Clausus für Dich, Punk!

 Überhaupt Noten. Was genau sollen die über unsere Kinder aussagen. Klar „mein Sohn schreibt nur Einser!“ klingt toller, als „Mein Sohn hat drei Fünfen im Zeugnis. Aber er schreibt sehr schöne Gedichte“ Was unsere Kinder nämlich wirklich können, das will doch gar keiner Wissen. Nein, wir definieren über willkürlich abgefragtes „Wissen“ deren Chancen für den Rest des Lebens. Ist das der richtige Weg?

 Kleiner Exkurs in meine eigene schulische Laufbahn. In der Grundschule war ich ganz passabel, es folgte die Empfehlung fürs Gymnasium. Was waren alle stolz auf mich. Ab da ging‘s bergab. Es eskalierte dann mit der freundlichen „Bitte“ der Lehrerkonferenz, dass ich doch bitte die Schule nach dem zweiten Versuch 11. Klasse verlassen möge und bitte auch nicht wieder auf eine staatliche Schule zurückkehre. Diese Entscheidung wurde auf Basis meiner Noten getroffen, die zugegeben, grottenschlecht waren. Interessiert nur heute keine Sau mehr.

 Durch Vitamin B bekam ich dann ein Vorsprechen bei der Sparkasse. In deren Aufnahmetest zeigt sich, dass der Bengel seltsamerweise ein recht passables Wissen im Bereich Allgemein- und politischer Bildung hatte. Huch. Und Englisch konnte er auch noch nahezu perfekt- Ups. Und überhaupt schien er ganz gutes Material für eine Bankerlehre zu sein. Ach guck mal einer an. Auf der einen Seite das Zeugnis, dass mich als nahezu grenzdebil und beratungsresistent bewertete. Und hier, das was ich tatsächlich wusste. Hätte sich die Sparkasse nicht die Mühe gemacht, mich persönlich kennenzulernen, hätten sie das Bild aus dem Zeugnis als tatsächliches Bild meiner Person genommen. Schrecklich.

 Aber wieso nur hatte ich so schlechte Noten, wenn ich doch angeblich ein ganz plietsches Kerlchen war? Nun, da kommt wieder der Punkt, für wen man eigentlich lernt. Und warum? Neben anderen Faktoren fehlte es mir in der Schule einfach an Motivation. Ich habe schlichtweg nicht verstanden, WARUM ich Analysis lernen sollte. Und was man damit überhaupt im echten Leben anstellt? WARUM soll ich Latein lernen, was habe ich konkret davon? Was genau fange ich später damit an, dass ich Säuren und Basen unterschieden kann? Was hilft es mir, dass ich Goethes werk analysiert habe, aber keine Steuererklärung ausfüllen kann? Ich wusste schlichtweg nicht, was ich mit dem ganzen theoretischen Kram anfangen sollte.

 In der Schule hat sich auch niemand die Mühe gemacht, mir Perspektiven aufzuzeigen. Es kam keiner auf die Idee, mich und alle anderen mal als Mensch zu betrachten, meine Stärken und meine Schwächen mal aufzuzeigen und mich als Mensch zu entwickeln. So nach dem Motto: Wir glauben, Du könntest aufgrund Deiner Neigungen, Talente und Fähigkeiten dies und jenes sein. Aber dafür solltest Du noch dies und das aneignen. Man stellt einen Plan für die Lebensbildung auf, und betrachtet diesen regelmäßig kritisch. DAS wäre für das Leben lernen.

 Aber nein, stattdessen wird zu bestimmten Zeitpunkten eine definierte Menge Wissen abgeprüft (Klassenarbeit). Und wenn ich am Ende des Jahres diese Meilensteine passiert habe, darf ich mit den anderen in die nächste Klasse, ich habe das Klassenziel erreicht.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, wenn ich zu viele Ziele nicht geschafft habe, ist es wertlos, ob ich andere Ziele vielleicht übererfüllt habe. Nein, dann muss ich ALLES noch mal machen, ich bleibe sitzen. Und das soll mich dann motivieren? Fühlt man sich nicht eher als Versager, wenn man aus seinem Umfeld herausgerissen wird, weil man ja zu schlecht ist? Man hat sich das Recht nicht verdient, bei der Herde zu bleiben und wird ausgeschlossen. Man kommt in eine neue Herde, ein neues Umfeld. Hat neben den schulischen Herausforderungen auch noch die sozialen. Darüber hinaus wird man mit den Defiziten, die man ja angeblich hat, vollkommen allein gelassen. Es kommt keiner der sagt, Mensch, Mathe ist wohl nicht so Dein Ding, komm, ich helf Dir. Nein! Was man im ersten Anlauf nicht geschafft hat, soll man dann gefälligst im zweiten Schaffen. Ohne das sich der Weg dahin verändert. Wie soll das funktionieren?

 Nicht für die Schule – für das Leben lernen wir. Am Arsch!

 Noten sind Blödsinn. Sie erzählen nur die halbe Geschichte. Und nicht mal den wichtigen Teil der Geschichte. Der Fokus auf Klassenarbeiten und Klassenziele erreicht doch nur, dass tatsächlich bingemässig für die nächste Arbeit gelernt wird. Und dann wird das alles wieder vergessen. SO sieht es nämlich aus!

Wenn wir wirklich für das Leben lernen würden, warum gibt es dann keine Kurse die uns beibringen, mit Behörden umzugehen? Die uns zeigen, wie wir einen Reifen wechseln? Kochen, einfache handwerksarbeiten, Steuererklärung, wie bewerbe ich mich eigentlich, welche Versicherungen brauche ich? Dieses Wissen wurde mir verwehrt. Ich war ja auf dem Gymnasium. Ich sollte ja mal studieren. Da braucht man so einen weltlichen Kleinkram nicht, oder wie? Da stand ich nun. Kein Abi, keine Ahnung, keine perspektive, keinen Plan B. danke, staatliches Schulsystem.

 Aus mir ist übrigens trotzdem was geworden. Sogar mit Studium und so. Und die Empfehlung für das Gymnasium hat damit nichts zu tun. Im Gegenteil. Freund, die nie auf dem Gymnasium waren, sind nun Ingenieure. Was sagt uns das über das Bildungssystem? Es kommt nur auf das Individuum an. Und das müssen wir fördern.

 Wie stelle ich mir eine Reform vor?

 Wir beginnen bei den Basics. Unsere Kinder lernen zunächst Grundfertigkeiten. Lesen, Schreiben, Rechnen. Das wird ergänzt um Wissen und Fähigkeiten in lokaler und Weltgeschichte, musischer Bildung, vergleichenden Religionen und Weltanschauungen, sowie Grundlagen in Technologie und Fremdsprachen. Außerdem Naturkunde (ganz wichtig) und viel Sport. Dafür nehmen wir uns mindestens 4 Jahre Zeit. Es wird regelmäßig geprüft, wo unsere Kinder stehen. Wo es noch wenig hapert, wird gefördert. Wo Stärken sind, werden Schwerpunkte gebildet. Noten gibt es keine.

Es ist nämlich egal ob in Lesen eine Note habe. Oder es einfach kann. Darum geht es nämlich!

Es schließt sich eine, sagen wir 3jährige Phase der Orientierung an. Hier wird nun geforscht, in welche Richtung es für den jungen Menschen weitergehen soll. Weiterhin lernen alle gemeinsam, auch wenn nicht alle auf dem gleichen Level sind. Aber es wird keiner mehr von seiner Herde getrennt, weil er höhere Mathematik nicht versteht. Das Streben nach Wissen sollte uns anleiten. Und nicht der druck, andernfalls als Versager ausgestoßen zu werden. Kinder sind neugierig! Sie wollen alles wissen. Es ist unsere Aufgabe, ihnen dieses Wissen nicht nur zugänglich zu machen, sondern diese Neugierde zu erhalten!

 Einschub: Für mich war Schule nur Zwang. Ich habe es gehasst. Wer ich als Mensch war, interessierte dort niemanden. Das Chaos in mir, das jeder Teenager kennt, wurde ignoriert, ich hatte zu funktionieren. I)ch bin nicht doof. Aber das tempo, das mir abverlangt wurde, war mir zu schnell. Es gab keine Rücksicht, nur Zwang und Druck.

 Der junge Mensch ist nun so um und bei 13. So langsam sollte das Profil geschärft werden. Neben dem für alle verbindlichen „Lebenskurs“, Wissen und Fertigkeiten, die jeder haben sollte, geht es in Profilkurse. Aber es muss auch jederzeit die Möglichkeit geben, zu wechseln. Mit 13 bin ich völlig anderer Mensch, als mit 17. In so jungen Jahren dürfen wir unserem Nachwuchs keine Entscheidung aufbürden, die mutmaßlich den Rest ihres Lebens bestimmt.

Ja, aber wie wollen wir denn die Schüler beurteilen, wenn‘s keine Noten, etc mehr gibt? Ganz einfach, ganzheitlich. Und wenn ich mich darauf konzentriere, den Schülern echtes und dauerhaftes Wissen beizubringen, DANN kann ich auch am Ende mit Noten bewerten. Kann ich Latein und in welcher Güte? Note dran. Kann ich Biologie, usw. Nur eben nicht nur anhand der einzelnen Klassenarbeiten. So steigt auch die Qualität. Denn wenn ich ein Jahr lang in einzelnen Arbeiten immer gute Noten habe, wo ist der Beleg, dass ich dieses Wissen auch gesammelt abrufen kann? Für Latein kann ich Vokabeln auswendig lerne. Kann ich dadurch Latein sprechen? Eher nicht.

Diese erste Ausbildung beenden die jungen Leute mit 18 Jahren. Nach einem weiteren Jahr sozialen Dienst (der ordentlich entlohnt wird!) sowie einem staatlich geförderten Kennenlernen der Welt, geht es ins Studium oder eine Ausbildung, je nach erworbenen Kenntnissen. Wer nach der Schule noch an Fertigkeiten feilen will, um statt der Lehre auf die Uni zu gehen, kann noch ein Jahr dran hängen.

Wir müssen die jungen Generation mir Respekt behandeln. Und dazu gehört auch, dass es keine Willkürherrschaft der Lehrer gibt. Wenn ein Schüler auf die Toilette muss, sollte er darum nicht bitten müssen und auch nicht vor versammelter Klasse allen Bescheid sagen. Das ist erniedrigend! Auch steht es keinem Lehrer zu, einen Schüler nach seinem Äußeren zu beurteilen und entsprechend anders zu behandeln. Der Goth, der Punk, der Skater, der Emo…alle haben sie das gleiche recht, angenommen zu werden, wie der angepasste Streber.

 In Ansätzen gibt es dieses Utopia hier und da schon. Aber es sollte nicht länger die Ausnahme bleiben. Sondern die Regel. Glück und Zufriedenheit sollten uns anleiten. Und nicht der bloße Trieb, Nachschub für’s Hamsterrad zu produzieren. DANN würden wir für das Leben lernen.

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