Demenz ist ein Arschloch, Pt. III

Seit mein Großvater im Pflegeheim angekommen ist, habe ich ihn gerade 4 Mal besucht. Und jetzt habe ich auch noch eine offizielle Ausrede dafür.

Uns wurde gesagt, dass wir nun auch mal wieder an uns denken müssten. Mir sollen uns nicht verpflichtet fühlen, Opi zu besuchen. Sondern wir sollen so kommen, wie es uns gut tut. Manche Bewohner würden gar nicht mehr besucht werden, andere nur 1-2 Mal im Jahr. Aber das sei völlig OK…

Was gibt einem mir eigentlich völlig fremden Menschen eigentlich die Autorität, zu entscheiden, was in meiner Situation richtig und falsch ist.

Da vegetiert nun also ein Mann für mich hin, der jederzeit für mich durchs Fenster gesprungen wäre. Und ich sitze hier und rede mir ein, dass es völlig OK ist, wenn ich ihn allein lasse. Vielleicht weiß er nicht mehr wirklich wer ich bin, vielleicht hat er sein Leben und seine Familie vergessen. Aber man muss nicht mehr Herr seiner Sinne sein, um zu spüren, dass man allein ist, dass man weggeschickt wurde, weil man eine Last geworden ist.

Dieses Phänomen ist ja grundsätzlich nichts neues. Alte und schwache Mitglieder einer Herde wurden schon immer zum Sterben zurückgelassen, damit sie den Fortbestand der Gruppe nicht gefährden. Die Natur ist also auf meiner Seite. ABER!

Im Großen und Ganzen wird meine Familie nicht von rivalisierenden Herden bedroht, ich führe keinen Wettkampf um Nahrung, Wohnung, Fortpflanzung. Zumindest keinen bis aufs Blut. Würde es also wirklich den Fortbestand der Gruppe gefährden, wenn wir das alte und schwache Mitglied nicht völlig ausstossen? Oder anders gefragt, breche ich mir wirklich einen Zacken aus der Krone, wenn ich Opi öfter als 1 mal monatlich besuch? Länger als 15-20 Minuten wird das doch eh nix. Mit An- und Abfahrt nicht mal eine Stunde.

Die Antwort ist ein klares Nein. Die Stunde hätte ich. Aber ich kleines Weichei habe dazu nicht die mentale Stärke. Denn jetzt kommt das zweite Große ABER.

Natürlich weiß ich, was das Richtige wäre. Natürlich habe ich die Zeit. Aber bei den Besuchen werde ich mit meiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Irgendwann liege ich vielleicht da und kann mich an nichts erinnern. Irgendwann bin ich es, der einsam ist. Damit will ich mich nicht beschäftigen.

Die Besuche tun zu doll weh, man erinnert sich, wie es früher war und muss dann sehen, wie es jetzt ist.

Die Besuche sind unangenehm, man weiß nie, was einen erwartet. Ist er gut drauf, sind Gespräche möglich, wie sieht er aus? Und jedes Mal, wenn ich da bin, sehe ich, dass er noch lebt. Aber aus dem eigenen Leben, da hat man ihn schon verdrängt, er ist lästig geworden, zum Sterben zurückgelassen.

Jetzt, da er im eigenen Leben keine Rolle mehr spielt, da wird es einfacher, damit abzuschließen, man kann jetzt schon trauern. Trauern light, denn zur Not könnte man ja noch mal kurz gucken, dass er noch da ist.

Hätte er vielleicht doch bei uns bleiben sollen?

Nein, auf keinen Fall. Denn die Pflege eines Demenzkranken erfordert Profis. Profis, die ohne emotionale Vorbelastung ihre Arbeit tun können. Schließlich ist mein Opi ja NOCH harmlos. Er schreit nicht rum, sieht immer sauber aus, all diese Sachen. Aber wenn er nun bei uns leben würde, dann würde es vielleicht doch um den Fortbestand der Gruppe gehen. Wer sollte die Pflege übernehmen, sein eigenes Leben so völlig auf Pause packen? Und würde dieser jemand den anderen nicht zu Recht vorwerfen, nichts getan zu haben?

Nein, Es ist schon richtig, dass er im Heim ist. Aber es ist nicht richtig, dass ich zu feige bin, ihn auf dem Ritt in die Abendsonne noch ein Stück zu begleiten. Irgendwann werde ich das bereuen. Spätestens, wenn meine Kinder mich zum Sterben zurücklassen.

Demenz ist ein Arschloch, sie zerstört Familien.

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