Vater werden ist nicht schwer…

Vater sein, dagegen sehr. Es ist die größte Herausforderung meines Lebens. Und eine Anleitung gibt es nicht.

Ich hatte jetzt nicht den einfachsten Start ins Leben. Mancher mag sagen, dass sei nun Jammern auf sehr hohem Niveau, schließlich hat es mir weder an Zuwendung noch Materiellem gefehlt. Ich hatte die Chance auf eine gute Schulbildung, eigentlich hatte ich alles, was notwendig war. Und noch mehr.

Aber irgendwas fehlte.

Die Elternhäuser meine damaligen Freunde waren augenscheinlich alle intakt. Mama, Papa, Kind, alles am Start. Das waren noch Zeiten, bevor kaputte Elternhäuser en Vouge waren. Wirklich? Die meisten Ehen der Eltern meiner Freunde sind mittlerweile aus verschiedensten Gründen Geschichte. War wohl doch nicht alles cool. Aber auf mich wirkte es so. Und dann fragt ich mich: Warum ist das bei mir nicht so?

Wieso haben meine Freunde alle einen Papa? Ich aber nicht?

Versteht mich nicht falsch, es mangelte nicht an einem männlichen Vorbild. Mein Großvater hat sich alle Mühe gegeben, den Vater zu ersetzen und er hat seine Sache gut gemacht. Aber es ist schon ein Unterschied, ob man mit seinem Großvater unterwegs ist…oder seinem Vater.

Damals fehlte mir einfach der Anschein von Normal. Heute fehlt mir etwas viel Entscheidenderes…Herkunft, Identität, ein direktes Vorbild. Denn ich bin auch Vater jetzt. Und auch wenn mein Großvater sich alle Mühe gegeben hat, ist da doch eine Generation übersprungen worden.

Könnte ich meinen Vater nicht einfach fragen?

Das dürfte schwer werden. Meine Mutter hatte nach einiger Zeit, ich war 6, einen anderen Mann geheiratet, der mich auch adoptiert hat. So wurde mein Erzeuger sogar aus meiner Geburtsurkunde getilgt. Leider hielt das nicht all zu lange. Und dieser Vormund ist leider als Vorbild in keinster Weise zu gebrauchen gewesen. Und zudem weilt er mittlerweile nicht mehr unter uns. Also weitersuchen.

Wie mein Erzeuger heißt, weiß ich. Ich weiß ungefähr, wo er wohnt. Und zumindest weiß ich, wie er bei meiner Geburt aussah. Von Fotos von früher weiß ich auch, dass er mich mindestens einmal besucht hat. Warum es dabei blieb, ist eine ganz andere Geschichte, die ich selbst noch nicht wirklich kenne.

Aber nun gut, diese Möglichkeit scheidet also auch aus. Und da sich Prominente nur sehr bedingt als Vorbilder eigenen und in meinem Freundeskreis Väter eher die Ausnahme sind, bin ich wohl auf mich allein gestellt.

Kinder habe ich zwei. 5 Jahre alt der Bub und 2 Jahre das Mädchen. Quasi muss ich gleich zwei Rollenprofilen gerecht werden. Und das ohne guten Vorturner. Kennt ihr das Gefühl: Ihr seid über 30 und denkt euch manchmal „Jetzt müsste man einen Erwachsenen fragen!“ Tja, ich habe News für uns, die Erwachsenen sind wir. Also ran an die Aufgabe.

Natürlich habe ich gewisse Vorstellungen, was ich für meine Kinder möchte, wie sie sich in meiner Utopie entwickeln. Das Ziel ist also gar nicht so sehr das Problem. Es ist der Weg. Schon beim Thema Ernährung türmen sich schier unüberwindbare Hindernisse auf. Klar, ich kann meinen Kindern vormachen, dass Gemüse das Coolste auf der Welt ist. Es ändert nichts daran, dass sie mehr der Nahrungsmittelindustrie glauben und somit Pommes für die Krone der kulinarischen Schöpfung halten. Und ich kann die beiden ja schlecht mit Gewalt zwingen, ihr Gemüse aufzuessen. Zwang soll in der Erziehung ja eh verteufelt sein. Oder doch nicht? Ich verliere da den Überblick, was mir privilegierte weiße Vollzeithausfrauen vorschreiben wollen, wie das perfekte Kind gelingt.

Und so setzt sich die Reihe munter fort. Meine Kinder können weder einer gewissen Zimmerordnung, noch regelmäßigen Schlafenszeiten oder gar dem banalen Zähneputzen einen übermäßigen Reiz abgewinnen. Und glaubt mir, ich halte nichts von Antiautorität! Nachdem gutes Zureden nicht half, habe ich meinen Standpunkt auch in deutlichen Worten vertreten. Ignoriert wurde ich trotzdem.

(Bevor jetzt der ein oder andere das Jugendamt anrufen will: Die Kinder sind nicht mangelernährt, vegetieren nicht im Chaos und haben heile Zähne)

Auch sind meine Kinder regelmäßig von selektiver Taubheit geschlagen. (Sohn, gehst Du bitte Zähne putzen! Tochter, wirfst Du Dein Essen bitte nicht auf den Boden!) Aber das haben sie von ihrer Mutter, beispielsweise, wenn‘s um das Thema „Ordnung im Familienkombi“ geht. Apropos Schlagen. Die regelmäßige Ohrfeige war noch durchaus Teil meiner Kindheit. Weder habe ich davon einen psychischen Schaden davon getragen, noch hat es mich zu einem tyrannischen Schläger gemacht. Dennoch bin ich durchaus dafür, dass Kinder NICHT körperlich gezüchtigt werden. Zwar kann ich nicht verhehlen, dass beide schon einmal einen Klaps auf die Finger bekommen haben. Aber das ist weder fester Bestandteil meines Erziehungsreportoires, noch hat es irgendetwas gebracht. Und besonders mein Sohn kann ein Lied davon singen, dass Papa auch mal sehr, sehr laut werden kann, wenn gerade alles zu viel wurde und konstantes Reden und Bitten und Verhandeln nichts mehr brachte.

Aber sagt das nicht eher etwas über mich, als das „Fehlverhalten“ meiner Kinder aus? Ja natürlich. Wenn ich mich vergesse und wie ein HB-Männchen anlaufe (kennt das eigentlich noch irgendwer?), zeigt das nur meine persönliche Überforderung mit der Situation. ICH weiß dann nicht weiter. Und wenn ich schon daran verzweifle, dass ich Sohnemann bitte, NICHT den Wohnzimmertisch zu bemalen und er noch während er nicht eben selbiges tut (was im Übrigen ja kein Weltuntergang ist…eigentlich…), wie soll ich ihn dann erfolgreich auf ein Leben in dieser ständig furchtbarer werdenden Welt vorbereiten…besonders, wenn ich keinen Vater mehr habe, den ich um Rat fragen könnte? (Der geneigte Leser wird sich erinnern, dass mein Großvater nicht mehr Herr seiner Sinne ist.) Wie soll ich es hinbekommen, dass beide gut in der Schule sind, sportlich, beliebt bei ihren Freunden, höflich zu allen Menschen, diszipliniert, erfolgreich im Beruf…..?????

Wie soll ich es hinbekommen, dass sie sich respektvoll gegenüber der Natur verhalten, die Schönheit dieser Welt zu schätzen wissen und die Notwendig der Bewahrung eben dieser verinnerlichen?

Wie soll ich das alles schaffen? Besonders, wenn ich es an mir selbst nicht geschafft habe?

Und wie verhalte ich mich richtig, wenn es den Kinder nicht gut geht? Sage ich meinem Sohn, er soll gefälligst ein richtiger Kerl sein, unter dem Bett gibt es keine Monster, er soll sich nicht so mädchenhaft anstellen? Oder nehme ich sein Wesen an und akzeptiere es, falls er sehr sensibel ist?

Und was zur Hölle gebe ich meiner Tochter mit? Die wickelt mich jetzt schon ständig um den Finger. Sobald Prinzesschen eine Flunsch zieht, erfüllt Papa ihr jeden Wunsch! Und wird sie es verstehen, wenn Papa ihrem ersten Freund einfach mal spontan aufs Maul haut?

Und dann das Thema Spielzeug. Wann ist es genug und macht man mit zu viel etwas falsch? Ich verwöhne meine Kinder nämlich unheimlich gerne. Nur irgendwie habe ich das Gefühl, dass es da wieder nur um mich geht. Ich könnte mir vorstellen, dass ich bislang nur deshalb lockere 500,00 € in CARS-Autos investiert habe, weil in Wirklichkeit ICH den Überfluss will.

Es gibt so viele Fragen, die man als Vater hat. Und keine Anlaufstelle der Weisheit zu haben, macht es nicht einfacher. Höre ich auf mein Bauchgefühl? Auf Bücher? Auf Filme? Wie lerne ich, damit umzugehen, wenn sie mich mal nicht mehr brauchen? Wie gehe ich damit um, wenn sie Sorgen, Kummer, Schmerzen haben? Wie werde ich der perfekte Vater?

Ich fürchte, die Antwort können meine Kinder mir erst dann geben, wenn sie selbst Kinder haben. Entweder, sie versuchen sich an der Erziehung so, wie ich es Ihnen vorgelebt habe. Oder sie machen alles anders. Bis dahin werde ich nur auf mein Bauchgefühl vertrauen können, auf das, was ich für richtig halte. Dabei muss ich aber eine Linie finden, eine Linie, an der sich meine Kinder orientieren. Eine Linie, die mich zum Vorbild macht. Zu dem Vorbild, das mir im Moment fehlt.

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