Stell Dir vor, es ist Baseball und niemand geht hin

Ich liebe Baseball. Das will ich hier gleich zum Eingang einmal festhalten.

Zwar brennt es in mir nicht mehr so, wie noch vor einiger Zeit. Aber da geht es eher um das selber spielen. Dennoch, ich liebe Baseball. Ich spiele jetzt seit 1994 und seit 1998 in erster und zweiter Bundesliga. Und es bringt definitiv mehr Spaß, zu spielen, wenn es auch jemand mitbekommt. Wenn Fans einen anfeuern, wenn die Medien von den eigenen Heldentaten berichten. Und grundsätzlich halte ich Baseball auch dafür geeignet, die Massen zu begeistern, für volle Stadien zu sorgen, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Klappt in vielen anderen Ländern doch auch. Von Amerika braucht man gar nicht sprechen. Aber schauen wir auch nach Italien, Niederlande, Asien…

Die Realität hier in Deutschland sieht recht trübe aus. Wenn zu einem durchschnittlichen Bundesligaspiel abseits der rar gesäten Hochburgen vielleicht 50 Leute kommen, dann ist das schon fast ein volles Haus. Aber mal ganz ehrlich, wir machen es den Zuschauer auch sehr einfach, nicht zu uns zu kommen. Denn was sollten in erster Linie stimmen, damit jemand zuschauen will? Richtig, das Spiel muss attraktiv sein. Und daran hapert‘s, aber gewaltig. Ich habe in meinem Baseballleben unzählige Bundesligabegegnungen miterlebt. Und die allermeisten Spiele waren langweilig bis schlecht. Das grundsätzlich spielerische Niveau ist in Deutschland einfach nicht gut.

Entweder sind die Pitcher so dominant, dass sich einfach kaum sehenswürdige Spielzüge ergeben. Oder die Defense ist vollkommen überfordert und produziert Fehler am laufenden Band. Wer will das sehen? Und wie wir Spieler aussehen! In den letzten jahren hat sich einiges getan. Aber die meisten Uniforms sind nicht großer Sport, sondern Flickwerk. Nicht einmal am ersten Tag der Saison ist gewährleistet, dass auf dem Feld mind. 9 Leute mit sauberen, heilen Hosen stehen.

Und das ist noch nicht alles.

Viele Spielfelder sehen nicht nach Premiumprodukt, sondern nach Verbandsliga aus. Zwischen den Linien und auch außerhalb. Denn wenn ich wirklich von (vielleicht sogar zahlenden) Gästen erwarte, dass sie stundenlang bei mir auf der Anlage sind, dann sollte ich Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Dazu gehört

  • Bequeme Sitzmöglichkeiten
  • Ansprechendes Catering
  • Saubere sanitäre Anlagen
  • Vernünftige Verkehrsanbindung
  • Zerstreuung abseits des Spielfeldes, 2x drei Stunden können verdammt lang werden

Das würde ich mal als Grundvoraussetzungen deklarieren wollen.

Sicherlich, das kostet alles Geld. Aber das Geld kommt leider erst, wenn das Interesse da ist. Und dafür muss das Produkt im Kern gut sein.

An einigen Orten in Deutschland ist Baseball wirklich populär. Regensburg vorne weg. Die oben beschriebenen Grundvoraussetzungen sind alle da. Plus ein erfolgreiches Team, dass ansprechenden Sport liefert. Die Regensburger haben auch schon Großevents gestemmt, Weltmeisterschaften und eine Vorrunde der Worldbaseballclassic. Am Abend des Spiels Deutschland-USA anlässlich der WM 2009 waren über 9.000 Menschen im Stadion. Das ist ein unglaublicher Wert. Leider ließ sich dieser Hype nicht auf ganz Deutschland übertragen.

Denn dass, was dort auf- und abseits des Feldes geboten wurde, konnten andere eben nicht bieten. Paderborn hat sicherlich eine schöne Anlage, ein erfolgreiches Team und ist lokal eine gewisse Größe. Dortmund hatte mal ein schickes neues Feld mit Flutlicht und gutem Drumherum. Nur leider fehlen da vernünftige Klos und das Team ist eher Mittelmaß. Hamburg bietet natürlich eine riesen Auswahl an tollen Typen, das Feld ist nicht schäbig. Aber machen wir uns nichts vor, das Drumherum ist für Zuschauer nicht Königsklasse. Lassen wir uns überraschen, dieses Jahr solls ein neues Clubhaus geben, mit allem Pipapo, vielleicht geht’s dann bergauf. Ein besseres Ergebnis als erste Runde Playoffs könnte da natürlich helfen.

Solingen hats da schon besser. Ein erfolgreiches Team, eine attraktive Anlage, das passt.

Aber was haben die „erfolgreichen“ Teams, die es zu ein wenig Lokalprominenz für sich und ihren Sport gebracht haben, gemeinsam? Kaum Konkurrenz. Da habens Hamburg, Berlin, Dortmund, schon schwerer. Für Berlin kommt erschwerend hinzu, dass es beim dortigen Bundesligavertreter fast alle Hinderungsgründe gesammelt gibt, Baseball überregional salonfähig zu machen.

Versteht mich nicht falsch, ich will hier niemandem ans Bein pissen, ganz im Gegenteil. Aber wenn Baseball nicht für Ottonormalverbraucher interessant wird, dann wird’s mit der Masse einfach nichts. Wir müssen nicht denen gefallen, die Baseball eh schon toll finden. Nein, die, die mit Baseball nichts am Hut haben, die müssen sagen „War n ganz cooler Tag bei denen, ich guck mir das noch mal an“. Aber wenn man im „Stadion“ auf kaltem Beton hockt, eine labbrige Bratwurst die Krone der kulinarischen Auswahl ist, das Feld eher einem Acker gleicht, man in die Büschen pinkeln muss und dann zu allem Überfluss auch noch das Team mit schöner Regelmäßigkeit die eigene Unfähigkeit demonstriert, DANN darf sich Baseball-Deutschland nicht wundern, wenn es nicht beachtet wird. Eigentlich ist damit die Frage, warum hier keiner Baseball sehen will, abschließend beantwortet!

Aber auch der Verband tut sich nicht wirklich hervor, hier etwas zu verbessern. Die Saison fängt im April an. Toll! Wer will denn bei Nieselregen und 10°C stundenlang da hocken und anderen Leuten beim frieren zugucken? Dafür ist für viele Teams die Saison mitten im Hochsommer schon wieder vorbei. Genau dann, wenn der Fussball Pause macht und ein Mitbewerber um die Zuschauergunst nicht da ist!!!!!!!!! Wie dumm ist das denn? Problem: Die Nationalmannschaft braucht Zeit und Raum, das geht zu Lasten der normalen Saison.

Überhaupt die Nationalmannschaft. Deutschland durfte bei der letzten WBC-Vorrunde mitdaddeln. Und keine Frage, Deutschland hat sich zur respektablen Mittelmacht in Europa gemausert. Und wie ich da so sitze bei der WBC und mir den Roster anschaue, denke ich mir, die haben aber alle irgendwie ganz schön fremd klingende Namen. Das liegt aber daran, dass man bei der WBC auch dann für ein Land auflaufen darf, wenn die Uroma da mal auf der Durchreise einen Hund gekauft hat. Oder so ähnlich… Ich habe also einer Amerikanisch-Tschechischen Auswahl in deutschen Trikots zugeguckt, wie sie gar nichts für das Niveau des deutschen Baseball geleistet haben.

Ich will jetzt nicht zu borniert sein, auch in der Nationalmannschaft von Holland und Italien spielen bei den ganz großen Turnieren nur sehr wenige echte Italiener und Holländer mit. Die Auswirkungen dort vermag ich aber auch nicht zu beurteilen.

Also, wie kommen wir nun raus aus dem Dilemma?

Möglichkeit 1, wir akzeptieren, dass Baseball in Deutschland eine Randsportart ist, spielen semiambitioniert vor uns hin und freuen uns unseres Lebens.

Möglichket 2, der Verband macht endlich ernst mit der Ligareform, dort sollen nur noch die besten spielen, Sport auf hohem Niveau, survival of the fittest

Möglichkeit 3, es findet sich ein Ligasponsor, der Liga wird ein einheitliches Bild verordnet, verbindliches Standards werden geschaffen, die Nachrichtenredaktionen werden konstant und zentralisiert mit Bildern und Texten geflutet, bis man uns nicht mehr ignorieren kann. Zentral gesteuertes Marketing und Merchandising

Das alles kostet Geld. Und damit wir überhaupt für so etwas in Betracht kommen, müssen wir uns aufhübschen, womit wir wieder bei der labbrigen Wurst auf Betonbänken angekommen wären.

Und da ist noch das größte Problem, die Spieler. Denn solange Baseballspieler kein Beruf mit einem halbwegs einträgliche Gehalt ist, spielen da Amateure, mit 40 Stunden Wochen, familiären Verpflichtungen, etc. Ihr seht, es ist ein Kreislauf des Grauens.

Und jetzt machen wir mal die Tür zu den unteren Ligen auf. Und da wird es dann richtig gruselig. So gut wie kein Team erfüllt die sehr weit gefassten Verbandsvorgaben, Teams werden ausgeschlossen, weil sie die Jugendarbeit nicht auf die Reihe kriegen, manche teams haben nur 9 Spieler, und die meisten Spieler sehen nicht nach Athleten aus…(da muss ich mich leider einschließen)…Die Leute kriegen es nicht gebacken, ihre Uniformen zu waschen oder halbwegs einheitliche Reisekleidung zu haben. Und bis jetzt sind wir nur in der Zweiten Bundesliga angekommen. Weiter runter will ich da wirklich nicht mehr gehen…

Noch einmal ganz deutlich, ich will niemandem an den Karren fahren. Aber wie wollen wir den Zuschauern verdeutlichen, dass wir ernsthaften Leistungssport machen, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Sportler nicht wie Sportler aussieht?

Könnte das Fernsehen nicht etwas für uns tun? Definitiv Nein. Das Fernsehen sendet nur, wenn es dafür Werbeeinnahmen gibt. Gibt es aber nicht. Und da wir bei Olympia raus sind, werden wir nicht einmal alle 4 Jahre gezeigt. Aber der Superbowl hat doch auch tolle Quoten, auch bei uns!!! Ja, das stimmt. Aber mal ehrlich, wer guckt das aufgrund des Sports? Es geht um den Event als solchen. Wäre jedes Wochenende Super Bowl, würde schon am zweiten Wochenende bei uns keiner mehr Sonntagsnachts um 1 aufstehen.

Die Medien können uns nur dann helfen, wenn jeder kleine Pupsverein sein lokales Käseblatt koninuierlich mit fertigen Artikeln versorgt. Und wie gesagt, dass musste eigentlich überregional gesteuer werden.

Eine Imagekampagne nach dem Motto Klasse mit Masse. Das könnte vielleicht was werden.

Freunde, finden wir uns damit ab. Baseball wird in Deutschland seiner Nische bleiben. Machen wir einfach das Beste draus.

4 Gedanken zu “Stell Dir vor, es ist Baseball und niemand geht hin

  1. Ich habe so richtig vor 20 Jahren gespielt und zuletzt nochmals vor 6 Jahren. Da hat sich leider, ausser in den Hochburgen die Du beschreibst, wirklich nichts geändert. Es fehlen Ambitionen. In meiner letzten Saison schafften wir es in die Playoffs. Aber die jungen Spieler hatten keine Lust, weil die Saison dann noch länger ist. Aus der Traum und für mich definitiv das sportliche Ende.
    Schade eigentlich – es ist ein schöner Sport.

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