Demenz ist ein Arschloch, Pt. II

Als ich das letzte Mal von meinem Großvater geschrieben habe, war er gerade in ein Pflegeheim speziell für Demenzkranke gekommen. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Seitdem ist es nicht unbedingt besser für ihn geworden.

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Ich hab ihn das letzte Mal Weihnachten gesehen. Zwar konnten wir uns unterhalten (auch wenn diese Konversation nicht besonders sinnvoll gewesen ist) aber ich bin mir nicht sicher, ob er mich überhaupt erkannt hat. Auch wenn ich weiß, dass er dafür doch gar nichts kann, hat mich das echt getroffen. Ich maße mir an, eine besondere Stellung bei meinem Großvater gehabt zu haben. Es ist kein Geheimnis, dass er sich immer einen Sohn gewünscht hat und dass er diesen wohl in mir gesehen hat. Und mich vor allem auch so behandelt hat.

Er war nicht ganz unbeteiligt (Achtung, Untertreibung) bei meiner Erziehung und spielte auch sonst eine große Rolle in meinem Leben. Ich war der Sohn, den er nicht hatte und er war der Vater, den wiederum ich nicht hatte.  Und ich wills nicht unter den Teppich kehren, ich hab die ein oder andere Behandlung genossen, die meinem Bruder oder meinem Cousin und meinen Cousinen nicht zuteil wurde.

Nun könnte man argumentieren, dass ich ja auch mehr Zeit mit ihm verbracht hätte und so weiter und so fort. Aber das wird der Sache nicht gerecht, ist unfair gegenüber den anderen, die auch räumlich viel weiter weg sind und tut auch eigentlich gar nichts zur Sache.

Wir waren für einander etwas Besonderes. Und Punkt.

Und nun saß ich ihm Heiligabend gegenüber und versuchte mich mit ihm zu unterhalten. Klappte an dem Tag nur dann, wenn wir über meine Cousine sprachen. Das ging erstaunlich gut. Den Rest der Zeit versucht man eigentlich nur, möglichst schnell wieder weg zu kommen.

Ist das nicht furchtbar?

Da saß ich nun und versucht möglichst WENIG Zeit mit dem Menschen zu verbringen, der immer alles für mich getan hatte und immer möglichst VIEL Zeit mit mir verbringen wollte. Der mir früher den Hinter abgewischt hatte und mich gefüttert hatte. Und nun wehrt sich in mir alles dagegen, das gleich für ihn zu tun.

Ich delegiere das ans Pflegepersonal. Ich rede mir ein, dass er dort glücklich ist, wohin wir ihn abgeschoben haben. Ist er das? Weiß er noch, was Glück ist?

Da saß ich nun und tat mir selbst leid, weil ICH nicht erkannt wurde, weil es MIR so schlecht damit geht. Ich flüchte mich in die Vorstellung, dass mein Opi gar nicht mehr weiß, wie es IHM geht und er ergo ja gar nicht unglücklich sein kann. Wie naiv ist das? Ob er nun noch etwas weiß oder nicht, er wird sicher fühlen, dass seine Situation kein glücklicher Lebensabend ist.

Aber was wäre die Alternative? Weder meine Mutter, meine Tante noch ich wären in der Lage, ihn zu Hause zu pflegen, aus verschiedensten Gründen. Dass Opi im Heim ist, ist keine schlechte Entscheidung. Die schlechte Entscheidung ist, dass ich ihn aus Scham und Angst nicht häufiger sehe.  Ob er mich nun erkennt oder nicht, die Gesellschaft anderer – „normaler“ – Menschen würde ihm sicherlich gut gefallen.

Dennoch bringe ich es nicht über mich, finde Ausreden, verdränge. Was sagt das über mich? Und wie kann ich eigentlich später von meinen Kindern und Enkeln verlangen, dass sie mich pflegen oder zumindest besuchen, wenn ich selbst nicht bereit bin, dass zu tun? Wenn es mir selbst lästig ist, einen Menschen das letzte Stück zu begleiten, der sich selbst dafür nie zu schade war?

Ich kann nur mein Bestes geben, meine Kinder zu erziehen, dass sie nicht nur wissen, was das Richtige ist, sondern dass sie auch stark genug sind, das Richtige zu tun. Denn das ist nicht immer das Gleiche. Und offenbar bin ich dafür zu schwach.

Ich hoffe sehr, dass mein Großvater nicht mehr mitbekommt, wie sehr ich ihn im Stich lasse.

Eines nicht allzu fernen Tages wird er gar nicht mehr da sein. Und dann werde ich bereuen, nicht noch so viel Zeit wie möglich mit ihm verbracht zu haben.  Die Demenz zerstört nicht nur ihn. Sie arbeitet auch gegen mich.

Demenz ist ein Arschloch.

P.S. Zum Abschied habe ich meinen Opi sehr fest umarmt.  Ich wünscht, dass hätte ich öfter getan, als er mich noch kannte.

P.P.S. Meine Großmutter wäre heute 85 geworden. Ich bin froh, dass  sie auf ihrem letzten Weg nicht allein war, sondern meinen Großvater hatte.

Nachtrag: Letztes Wochenende habe ich meinen Großvater wieder besucht. Wir haben uns gar nicht so schlecht unterhalten können.  Es wäre schön, wenn wir dieses Level jetzt mal eine Zeit lang halten könnten.

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