Demenz ist ein Arschloch

Mein Großvater hat Demenz. Das ist scheiße. Demenz ist ein Arschloch.

Mein Großvater war ein großer Mann. Nicht vom Körperbau her. Mangelernährung im zweiten Weltkrieg hat ziemlich erfolgreich eine beeindruckende Statur verhindert. Dennoch, er war ein großer Mann.

Er hat aus dem Nichts eine Firma aufgebaut und damit ein Vermögen geschaffen, das bis zu Letzt unserem ganzen Clan ein komfortables Leben ermöglicht hat. Er war Handelsrichter, Gemeindeschiedsmann, aktiv in mehreren gemeinnützigen Vereinen, in denen er viel für andere getan hat.

Für mich war er Vaterersatz. Hat mir vieles über Werte, Haltung und Moral beigebracht. Ein Grundverständnis von Recht und Wirtschaft beigebracht. Kurz, er hat mich tief geprägt.

Und nun ist er weg.

Sein Körper ist noch da, er atmet, isst, guckt Fernsehen, redet mit uns. Und dieser Körper weiß auch noch, wer er war. Obwohl er nun wirklich andere Sorgen haben sollte, ist er immer korrekt in Schlips und Kragen gewandet. Er hat Manieren, ist zu den Damen charmant.

Aber mein Großvater ist weg.

Bis vor kurzem hat er noch allein zu Hause gewohnt. Das fanden wir zwar nicht so gut, da machten wir uns schon Sorgen. Aber er konnte noch klar und deutlich artikulieren, dass er aus seinem Haus nicht wegwolle. Er hat ein soziales Umfeld, ging alleine Einkaufen, fuhr sogar noch Auto. Er hatte ein Leben.

Dann kam Silvia J.

Silvia J ist eine verbrecherische, man verzeihe es mir, Schlampe, die gezielt ältere Herrschaften ausnahm. Mal lag das Kind im Krankenhaus, dann brauchte es was zu essen, dann lag ein Pups quer. Und das könne nur mit Geld geheilt werden.

Und jetzt schlug die Krankheit richtig zu.

So sehr mein Großvater noch in den gewohnten Strukturen zu Recht kam, so sehr warf ihn diese Störung aus der Bahn. Früher hätte er die Dame ihres Weges gewiesen. Aber nun war er gefangen zwischen der Sorge über das vermeintliche Kind in Not und dem Wissen, dass es dieses Kind gar nicht gab.

Diese Person hat ihm nicht nur ordentlich Geld aus dem Kreuz geleiert, was weder wir, noch die Gemeinde, noch die Polizei verhindern konnten, sondern – was noch viel entscheidender ist – ein gutes Stück Lebensfreude, als er das Leben noch hätte genießen können.

Und jetzt gings schnell.

Wir konnten ihn überzeugen, in ein schickes Altersheim zu ziehen. Gemütliche 2-Zimmer-Wohnung, mit schönem Ausblick, rundum-Wohlfühl-Programm, eigentlich alles gut.

Aber die Demenz, das Arschloch, wollte noch mehr.

Noch war er mein Großvater. Wusste wer ich bin, wer seine Urenkel sind. Ich konnte mit ihm über meinen Job reden und halbwegs sinnvolle Gespräche führen. Aber die Demenz ließ ihm keine Ruhe. Ließ ihn die Nacht zum Tage machen, vergessen, wo er jetzt wohnte, trieb ihn an Orte der Vergangenheit, verhinderte, dass er mit uns darüber sprach und uns Bescheid sagte, wohin er geht. Zu häufig mussten wir ihn mitten in der Nacht suchen und wussten nicht, ob er heil wieder auftaucht.

Zuerst ging er nur an der Alster spazieren. Aber dann war er auf Geschäftsreise (die Firma gibt’s es nicht mehr), dann in der Kaserne. Er war auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen unterwegs. Die Demenz macht Chaos und ließ es ihn wissen. Sie gönnte ihm nicht die Ruhe eines sanften Vergessens. Nein, sie nahm ihm seinen Geist und gab ihn manchmal zurück. Nur um ihn spüren zu lassen, was er nun verlieren wird.

Auch jetzt hätte er noch entspannt leben können. Aber nein, die Demenz war noch nicht fertig mit ihm. Jetzt nahm sie ihm sein Wissen um sich selbst und seine Familie.

Mein Großvater ist jetzt nicht mehr da.

Sein Körper ist jetzt in einem Pflegeheim, speziell für Demenzkranke. Man kümmert sich gut um ihn. Er hat Gesellschaft, die Damenwelt liegt ihm noch immer zu Füssen, er weiß sich zu kleiden, genießt die Konversation. Und wenn er sich anstrengt, dann erinnert er sich noch kurz an sich selbst und damit auch an uns. Meine Frau kann er nicht mehr so ganz sicher einordnen aber wenn man ihm ein wenig hilft, dann weiß er kurz wieder, wer ich bin. Aber der Rest seines Lebens flackert nur noch in Blitzlichtern auf. Seine Firma, meine verstorbene Großmutter, manches andere. Aber nicht mehr im richtigen Zusammenhang. Realität und Fiktion verschwimmen.

Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem auch der letzte Rest Erkennen verschwinden wird. An dem auch sein Körper die Erinnerung an früher vergisst. An dem das Schweigen beginnt.

Mein Großvater ist weg.

Und Demenz ist ein Arschloch!

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